Verdrängt
änos Kádár, mit 32 Amtsjahren der Dienstälteste unter den osteuropäischen KP-Führern, konnte nicht gehen. Er mußte verdrängt werden. In der Nacht zum Dienstag verlor er seine letzten politischen Funktionen. Er schied aus dem ungarischen Zentralkomitee aus und legte auch das Ehrenamt eines Parteipräsidenten nieder, das erst vor einem Jahr geschaffen worden war, um ihm sein Abtreten vom Posten des Parteivorsitzenden zu erleichtern. János Kádár hat einen würdigen Abgang verspielt.
Der angeblich schwerkranke, fast 77jährige Altkommunist hat die Zeichen der Zeit nicht mehr verstanden. Er muß sie sogar als bedrohlich empfunden haben. Pluralismus und Demokratie zersetzen die von ihm immer monolithisch gehaltene Partei; Glasnost und Geschichtsaufarbeitung demontieren in der Bevölkerung sein Ansehen als Landesvater. Der bescheidene Wohlstand und die kleinen politischen Freiheiten hatten vorübergehend vergessen lassen, unter welchen Bedingungen Kádár an die Macht gekommen war: Ursprünglich ein Befürworter des Aufstands, rief er, als Ministerpräsident Imre Nagy den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt erklärte, die Sowjettruppen ins Land, um die Erhebung niederzuschlagen.
Wenn die Ungarn im Juni den 1958 hingerichteten Imre Nagy aus seinem anonymen Grab umbetten, können sie den für seine Hinrichtung Verantwortlichen nicht aus der Schuld entlassen. Die neue Parteiführung, will sie in dem augenblicklich rasanten Demokratisierungsprozeß glaubwürdig bleiben, mußte sich seiner entledigen.






