Von Heike Ströle

Dies alles ist evangelische Diakonie: Dienst und Kampf. Wir grüßen euch alle als die SA Jesu Christi und die SS der Kirche, ihr wackeren Sturmabteilungen und Schutzstaffeln im Angriff gegen Not, Elend, Verzweiflung und Verwahrlosung, Sünde und Verderben.“ Die angriffslustigen Parolen stammen nicht etwa von einem Nazi-Schergen, sondern von einem Pfarrer. Horst Schirmacher begrüßte so auf dem Diakonentag 1933 die Gäste. Seine Zuhörer riefen ein dreifaches „Sieg-Heil“ und sangen das Horst-Wessel-Lied.

Die Geistlichkeit und der Nationalsozialismus: Das ist ein dunkles Kapitel deutscher Kirchengeschichte. Die Begrüßungsworte drücken jene Begeisterung aus, mit der sich viele, allzu viele Kirchenmänner schon früh vor den braunen Karren spannen ließen. Nur wenige besaßen den Mut und die Einsicht, von der Kanzel gegen das Regime zu predigen. Nur wenige wehrten sich gegen das Programm zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Und nur wenige kritisierten später den Massenmord an den Juden. Die anderen aber, Pfarrer, Diakone und Bischöfe, unterstützten oder duldeten zumindest stillschweigend die Politik Hitlers.

Besonders viele protestantische Pfarrer waren der Weimarer Republik ablehnend gegenübergestanden und empfanden antidemokratisch. Für sie erfüllten sich 1933 ihre Hoffnungen. Diese unrühmliche Rolle der Kirchen im Nationalsozialismus zeigt:

  • Ernst Klee:

Die SA Jesu Christi

Die Kirche im Banne Hitlers; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1989; 203 S., 12,80 DM

Der Autor beschäftigt sich im ersten Teil des Buches mit den Diakonissen und den Diakonen, von denen viele Anhänger Hitlers waren. Im zweiten widmet er sich dem Kampf der Kirchen – besonders der evangelischen – gegen „Minderwertige“ und Juden. Das Schwergewicht der Darstellung liegt auf der Anfangsphase der nationalsozialistischen Herrschaft. Dies erscheint deshalb besonders interessant, weil zu jener Zeit möglicherweise ein entschlossener und öffentlicher Protest der Kirchen gegen die Rassenideologie des Staates Schlimmes hätte verhindern können.

Viele evangelische Schwestern begrüßten Hitler als Quasi-Erlöser, sahen in ihm den Verfechter ihrer Sache, den Sendboten einer neuen, besseren Welt. Das mag absurd erscheinen angesichts der kirchenfeindlichen Politik des Regimes, die sich mit den Jahren immer deutlicher offenbarte. Denn der Nationalsozialismus sollte nach der Vorstellung seines obersten Vertreters die christliche Religion ersetzen. In „Mein Kampf“ benutzte Hitler christliches Vokabular, um die Rassenlehre mit pseudo-religiösen Begriffen wie „heilig“, „Sünde“ oder „Gnade“ zu erklären.

Zahlreiche Diener Gottes machten eine Verbeugung vor Hitler, ohne dazu gezwungen zu werden. So übernahm die Diakonie in Ricklingen 1933 vorübergehend sogar ein Konzentrationslager von der SA, in dem politische Gegner der Nazis in Haft saßen. Die Wächter bekamen ihr Geld vom Schleswig-Holsteinischen Landesverband für Innere Mission. Diakone wurden auch selber zu Polizisten: Einige kontrollierten als Wachposten Konzentrationslager. An theologischen Erklärungsmustern fehlte es nicht. „Luthers Glaube und Hitlers Kampf finden sich in der Erkenntnis, daß ein Volk nur bestehen kann, wenn es antiliberal und organisch handelt in den Ordnungen, die Gott uns als seine Gabe und Aufgabe gegeben hat“, hieß es 1934 im Monatsboten aus dem Stephansstift, einem Blatt der Inneren Mission.

Klees Buch liest sich wie ein Sammelband des Grauens. Der Autor, der sich seit Jahren mit der „Euthanasie“-Problematik auseinandersetzt und bekannt ist wegen seines Engagements für die Rechte Behinderter, stellt viel bisher unbeachtetes Material vor. Er stützt sich besonders auf die „Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945“ sowie auf Kirchenzeitschriften und Protokolle. Sein Verdienst liegt in der Zusammenschau der Ungeheuerlichkeiten, die sich in diesen Dokumenten finden.

Seine Methode: Die Quellen sollen weitgehend für sich sprechen, Zitate die Menschen selber entlarven. Allerdings dürfte nicht nur der historisch versierte Leser analysierende Passagen vermissen. Bei Klee dominieren die Quellentexte, die lediglich durch kurze Überleitungen und kommentierende Einschübe verbunden sind. Am Ende steht zwar die Einsicht, daß sich die Kirchen schuldig gemacht haben, indem gerade bei den Christen Anspruch und wirkliches Verhalten weit auseinanderklafften, doch damit ist noch nichts erklärt. Die Dokumentation kann nicht die Frage nach den Motiven beantworten: Warum haben die Kirchenleute so gedacht und gehandelt, warum waren sie anfällig für die nationalsozialistische Ideologie, welche Handlungsspielräume bestanden und wo stieß man an Grenzen? Solche Fragen thematisiert Klee nicht ausreichend. Dieser methodische Ansatz ist das Problem des ansonsten informativen und gut illustrierten Werkes.

Das Buch sei nicht gegen die Kirche geschrieben, sagt Klee im Vorwort. Die Institution habe nicht allein versagt. Dennoch ist die Darstellung – zu Recht – eine große Anklage. Denn es bleibt eine Tatsache, daß 1939 jeder vierte deutsche Diakon Mitglied der NSDAP war. Und es bleibt beschämend, daß es keinen gemeinsamen öffentlichen Protest beider Kirchen gab, als 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet wurde: Psychisch Kranke, Epileptiker, Blinde, Taube und Alkoholiker etwa konnten danach zwangsweise sterilisiert werden. Jedes fünfte Krankenhaus, in dem solche Operationen stattfanden, war in evangelischer Trägerschaft. Die katholische Kirche leistete dagegen grundsätzlichen Widerstand, da die Enzyklika „Casti connubii“ von 1930 die Sterilisation verbot

Als in den Kriegsjahren kranke und behinderte Menschen nicht nur unfruchtbar gemacht, sondern umgebracht wurden, fehlte ebenfalls ein lauter und einhelliger Protest. Fast 70 000 Opfer waren schon tot, als der Münsteraner Bischof, Clemens August Graf von Galen, am 3. August 1941 in seiner berühmten Predigt in der Lambertikirche den Mord anprangerte.

Unrühmlich haben sich Kirchenvertreter auch angesichts der Judenpolitik des Staates verhalten. Als 1933 „nichtarische“ Beamte aus dem staatlichen Dienst entlassen wurden, beschlossen evangelische Theologen der Altpreußischen Union ein halbes Jahr später: „Wer nicht arischer Abstammung oder mit einer Person nicht arischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden.“ Als die Nürnberger Rassengesetze von 1935 die Ehe zwischen Juden und „Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ verboten, glaubte das evangelisch-reformierte Landeskirchenamt Hannover, „daß sich auf der Seite unserer Regierung das ernste Bestreben zeigt, das Problem der Judenfrage auf eine gesetzliche und gerechte Weise zu regeln“.

Klees Buch handelt von einer Zeit, in der christliche Werte von vielen mit Füßen getreten wurden. Konrad Adenauer sagte 1946: „Nach meiner Meinung trägt das deutsche Volk und tragen auch die Bischöfe und der Klerus eine große Schuld an den Konzentrationslagern. Richtig ist, daß nachher vielleicht nicht mehr viel zu machen war. Die Schuld liegt früher.“ Bleibt die Frage, die auch den Autor bewegt, warum jene Theologen, die Diakone als Aufseher ins KZ schickten und getaufte Juden aus der christlichen Gemeinschaft ausschlössen, nach 1945 wieder hohe Ämter bekleiden konnten.