Ich will keine lebende Leiche
sein Andre Müller spricht mit dem Klavierspieler und Komponisten Friedrich Gulda
Sie sind seit vierzig Jahren einer der am meisten gefeierten Pianisten der Welt, doch Ihre eigenen Kompositionen werden von der Kritik bis heute nicht ernstgenommen.
FRIEDRICH GULDA: Ich weiß, daß gewisse Herren, die sich einbilden, von Musik furchtbar viel zu verstehen, Vorbehalte gegen meine Kompositionen haben, aber das Publikum gibt seiner Zustimmung lautstarken Ausdruck. Auch die Platten verkaufen sich gut. Ich pflege die Abrechnung meiner Tantiemen genau zu lesen. Also den Leuten gefällt's. Seit die sogenannte Fachpresse das nicht mehr leugnen kann, sagt man, weil man mich, um konsequent zu sein, weiterhin schlecht finden muß, der Mann ist großartig, aber nur als Clown und als Possenreißer.
In einem Interview mit Klaus Geitel haben Sie Ihre Werke als ebenso gut wie die von Brahms, Mendelssohn und Schumann bezeichnet.
GULDA: Schaun Sie, ich muß ja meine Redeweise auf das Niveau meiner jeweiligen Gesprächspartner einstellen, in diesem Fall auf das Niveau des Herrn Kaiser ...
Es war nicht Kaiser.
GULDA: . . . oder Geitel, was dasselbe ist. Das sind Leute, die leben in ihrem klassischen Ghetto. Eine andere Sprache verstehen die nicht. Wenn ich dem Kaiser sage, daß ich Keith Jarrett wichtiger finde als Horowitz, dann fragt der, wer ist Keith Jarrett.
Wissen Sie, daß Joachim Kaiser einer ihrer größten Verehrer ist?
GULDA: Dazu muß ich Ihnen sagen, daß mir das scheißegal ist, weil er von dem, was ich musikalisch wirklich will und tue, gar keine Ahnung hat. All diese Leute, die mich aus den falschen Gründen verehren, sind mir, ich will nicht sagen verhaßt, denn das wäre zu viel der Ehre, aber sie sind mir nicht wichtig.
Manche wundern sich, daß Sie trotz Ihrer Liebe zum Jazz überhaupt noch Beethoven spielen können.
GULDA: Ich übe heimlich.
Im Ernst?
GULDA: Nein, aber wenn ich mich auf ein Konzert vorbereite, tue ich das gewissenhaft. Ich übe nicht sechs Stunden am Tag, aber so viel wie nötig ist, um in einer Bach-Fuge oder einer Beethoven-Sonate keinen Fehler zu produzieren.
Sie waren sehr früh berühmt. Schon mit sechzehn Jahren haben Sie einen internationalen Klavierpreis gewonnen.
GULDA: Ich war und bin halt sehr talentiert, also was soll mir passieren? Ich war auf der Akademie einer der vifsten und schnellsten. Während die anderen sich zerstrudelt haben, hab' ich alles schon draufgehabt. Ich kann nichts dafür.
Ihre Intelligenz, so Ihre Selbsteinschätzung, hätte auch zu jedem anderen Studium ausgereicht. Statt dessen sind Sie Knall und Fall mitten im Unterricht vom Gymnasium abgegangen.
GULDA: Ja, ich hab' gesagt, Herr Professor, darf ich aufs Klo und bin nicht wiedergekommen. Ich glaub', es war in der Mathematikstunde.
Warum sind Sie nicht in der Pause gegangen?
GULDA: Das war' ja fad gewesen. Keiner Jacht. Die Tür ist eh offen. Ich wollte schon, daß es prickelt.
Das erinnert an den von Ihnen voriges Jahr provozierten Skandal in Salzburg, als Sie, statt, wie zugesagt, drei Konzerte zu geben, nach Ibiza reisten, ■ '
GULDA: Richtig. Das war bis ins Detail generalstabsmäßig geplant. Nur ist es leider überhaupt nicht verstanden worden. Ich nehme hiermit die Gelegenheit wahr, um zu erklären, was wirklich passiert ist. Angefangen hat es vor sieben Jahren, als ,män mich einlud, nach langer Zeit wieder in Salzburg zu spielen. Ich sagte, ja, gerne. Damals hatte ich gerade eine sehr fruchtbare Partnerschaft mit Chick Corea, dem amerikanischen Jazzpianisten. Ich hatte von ihm viel über Jazz gelernt, er von mir viel über Mozart. Also schlug ich das Doppelkonzert von Mozart vor, das wir zusammen auch auf Platte eingespielt hatten. Ja, herrlich, hieß es, machen wir, und wer soll dirigieren? Darauf ich: Herr Harnoncourt, wie auf der Platte. Nein, das geht nicht! Gut, dann eben nicht, hab' ich gesagt, und somit hat das nicht stattgefunden.
Was hatte man gegen Nikolaus Harnoncourt einzuwenden?
GULDA: Das weiß ich nicht. Herr Karajan mag ja viele nicht. Jedenfalls hab' ich mir das gemerkt und gedacht, aha, mit denen kann man nicht ehrlich sein, dann eben unehrlich! Und so hat sich der listige Gulda 1988 wieder von den Festspielen einladen lassen, zugleich aber auf dem Domplatz ein Konzert mit dem Dirigenten Harnoncourt angesetzt, so daß man vor dem unlösbaren Problem stand, einen Künstler nicht gleichzeitig engagieren und hinausschmeißen zu können. Auf diese Weise habe ich meinen Plan zwar nicht auf direktem Weg, aber listig und verschlagen und unehrlich, mit üblen Methoden und faulen Tricks doch noch durchgesetzt, nicht weil ich von den Qualitäten des Herrn Harnoncourt so sehr überzeugt bin, ich habe gegen ihn schwere Vorbehalte, ich halte ihn nicht für den Größten . . .
Weil der Größte ja Sie sind.
GULDA: Eben! Und ich laß mir von niemandem etwas verbieten. Ich hab' mir gedacht, lieber Herr Karajan, dir werd' ich's zeigen. Während wir auf dem Domplatz spielten, hatte ich das Ticket nach Ibiza schon in der Tasche, denn ich habe nie die Absicht gehabt, die vereinbarten Festspielkonzerte zu geben. Der böse Gulda hat es gewagt, dem Herrn von Karajan, dem Gott-Ähnlichen, in seiner Mozart-Stadt auf der Nase herumzutanzen. Das gab natürlich einen riesigen Wirbel. Mir hat es teuflischen Spaß gemacht, als ich, umgeben von den angenehmsten Dingen, im Sande lag und mir zum Drüberstreu'n in der Süddeutschen Zeitung oder im Wiener Kurier die Folgen meiner Inszenierung ansehen konnte. Rache ist süß. Schadenfreude ist die reinste Freude.
Als Ersatz für Sie hat man versucht, den Tenor Luciano Pavarotti für ein Konzert zu gewinnen.
GULDA: Ja, apropos Tenor! Dazu kann ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen. Es gibt ein Musikinstrument, das der Stimme des Tenors am ehesten gleicht, das ist das Violoncello.
Nun kommen Sie auf Ihren Streit mit Heinrich Schiff, dem Cellisten.
GULDA: Genau. Diesem Herrn Schiff hab' ich mein Cellokonzert auf den Leib geschrieben. Er hat es des öfteren unter meiner Leitung gespielt, und er sollte es voriges Jahr unter einem anderen Dirigenten in Salzburg spielen. Stattdessen hat er es, um sich Liebkind zu machen und seine Gage zu kriegen, in gemeiner und hosenscheißerischer Friedrich Gulda, am 16. Mai 1930 in Wien geboren, gewann mit 16 Jahren in Genf seinen ersten großen Klavierpreis. 1950 debütierte er in der New Yorker Carnegie Hall und gehörte spätestens von da an zu den führenden Interpreten des klassischen und modernen Klavier-Repertoires. Aufsehen (und Ärger) erregte 1967 Guldas Ankündigung, in Zukunft nur noch Jazz spielen zu wollen — ein Gelöbnis, dem er glücklicherweise später wieder untreu wurde. Schon Anfang der sechziger Jahre hatte Gulda das „Eurojazz Orchester" gegründet, 1968 initiierte er das Musikforum am Ossiacher See, Motto: „Improvisation versus Interpretation". Weise durch ein ungefährliches Repertoirestück von Haydn ersetzt, damit er in die diversen Arschlöcher hineinkriechen kann und der Herr Karajan ihm nicht bös' ist. Seither verkehre ich nicht mehr mit ihm. Das möchte ich hier in aller Deutlichkeit sagen. Ich habe über den Charakter dieses Herrn sehr viel gelernt, obwohl ich es im Grunde schon vorher wußte.
Warum haben Sie ihm dann Ihr Konzert gewidmet?
GULDA: Na, weil er so schön drum gebeten hat.
Darf er es jetzt nie wieder spielen?
GULDA: Doch, von mir aus. Ob Herr Schiff mein Konzert spielt oder schifft oder ob es ein anderer tut, ist mir egal. Das Stück ist komponiert, es ist aufgenommen und für mich damit abgehakt und erledigt. Wir haben über die Vergleichbarkeit der Tenorstimme mit dem Klang des Cellos gesprochen. Es gibt auch eine Ähnlichkeit, was die Gehirnkapazität der Vertreter dieser beiden Instrumente betrifft.
Sind Cellisten dümmer als Pianisten?
GULDA: Sie fragen das jetzt so furchtbar direkt. Der Peymann hat gesagt, Schauspieler sind oft sehr dumm. Ich füge hinzu, auch Tenöre und Cellisten sind oft sehr dumm. Das wird man doch sagen dürfen.
Pflegen Sie Umgang mit Ihren Kollegen?
GULDA: Sofern es sich um reine Notenspieler handelt, habe ich dazu keinen Anlaß. Pianisten, die nicht auch selbst komponieren, sind für mich keine Musiker im vollen Sinne des Wortes, sondern sie spielen halt zum x-tenmal mehr oder weniger gut die sicher sehr großartig angeordneten Noten von fremden Leuten, die nota bene meist schon«lang tot sind. Ich halte die Trennung von Interpreten und Komponisten für eine Degenerationserscheinung, die im 19. Jahrhundert begann und mit dem Erscheinen der Jazzmusik zum Glück untergeht. Mit Pianisten, die kreativ sind, wie zum Beispiel Herr Jarrett, Herr Corea, Herr Peterson oder Herr Zawinul, bin ich zumindest bekannt, meistens befreundet.
Meinen Sie, ein Pianist soll nur spielen, was er selbst komponiert hat?
GULDA: Das wäre mein Ideal. Früher war es ganz selbstverständlich, daß einer sein Klumpert selbst komponiert hat. Nur ist halt das Klumpert von Herrn Mozart um vieles besser als das von Herrn Hummel. Aber im Prinzip haben sie das gleiche gemacht.
Das schon, nur sind die längst tot. Ein Toter kann nicht mehr spielen.
GULDA: Nein, aber er kann eine Schallplatte, auf der er spielt, hinterlassen. Natürlich konnte Mozart das nicht. Der mußte seine musikalischen Ideen, um sie mitzuteilen, in Noten fassen. Inzwischen hat sich aber die Musikszene unglaublich verändert. Es gibt die elektronische Tonaufzeichnung. Dadurch ist das Aufschreiben einer Komposition nicht mehr nötig. Wenn der Michael Jackson ein neues Lied pfeift oder singt, weiß das ein paar Monate später die ganze Welt, weil er zwanzig Millionen Platten verkauft hat. Die sogenannte freie Musik, mit der ich mich in radikaler Form lange beschäftigt habe, ist überhaupt nur durch Tonbänder festzuhalten, weil da die Improvisation, das Unvorhergesehene und Unüberlegte, die größte Rolle spielt. Man nimmt das auf, während man es erfindet, aber nicht durch Menschen, sondern durch eine Maschine. So etwas bleibt wie ein gemaltes Bild oder ein Haus, das einer gebaut hat.
Das würde bedeuten, daß man die Werke Verstorbener live nie mehr hören könnte.
GULDA: Nicht unbedingt. Man kann das ja integrieren. Von Duke Ellington, einem der größten Komponisten dieses Jahrhunderts, wird schon das eine oder andere Stück nachgespielt werden, aber im großen und ganzen lebt sein Werk durch die von ihm bespielten Schallplatten weiter. Die Notwendigkeit, sich mit vergangener Musik so wie bisher auseinanderzusetzen, wird nicht mehr bestehen, weil sie in authentischer Interpretation als Aufzeichnung vorliegt.
Sie sprechen von Jazzmusik.
GULDA: Ich meine zum Teil auch die heutige Popmusik. Herr Jackson schreibt sogar seine Texte selber. Nun könnte man sagen, der Prince sei besser. Aber daß Michael Jackson unvergleichlich besser und wichtiger ist als Rene Kollo, darüber kann man nicht streiten.
Glauben Sie, daß diese Musik in hundert Jahren noch jemand hören will?
GULDA: In hundert Jahren werden weder Sie noch ich leben. Deshalb ist das eine sehr akademische Frage.
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- Datum 2.6.1989 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.06.1989 Nr. 23
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