Von Siggi Weidemann

Der schmale Bergweg steigt sanft an, windet sich an Wald und Wiesen entlang, führt erst noch vorbei an einigen Höfen. Dann liegt höher als all die anderen der Staighof. Der ist ein Schwarzwaldhof, wie man ihn sich nicht typischer vorstellen kann, mit behäbigem Dach, winzigen Fenstern, blühenden bunten Blumen. Dahinter steht, hoch und dunkel, der Tannenwald. Vor dem Bauernhaus dreht sich eine hölzerne Wassermühle. Es duftet nach Grün und viel frischer Luft.

Aus dem Stall, den schwarzen Filzhut ins Gesicht geschoben, kommt der Bauer. Seine Stimme klingt warm, als er von seinen Gänsen und Enten erzählt, von der Ziege, den Schafen und seinem Rappen Pegasus, auf dem gerade die Bäuerin ihren abendlichen Ausritt macht.

Es hat seine Besonderheit mit dem Bauern Horst Lapp und seinem schönen, gepflegten Hof in der Nähe von Wolfach mit seinen Zimmern für großstadtmüde Gäste. Denn Bergbauer Lapp ist „eigentlich kein richtiger Deutscher, sondern Flüchtling aus Straßburg“, ein „Wackes“, wie man hier sagt. Außerdem einer, der an unterster Stelle der sozialen Rangliste stand, ein Hirtenbub, einer, den man getreten und geschunden hat, einer, der die Grundschule als Analphabet verlassen mußte, der mehr Prügel als Brot bekam und unschuldig im Gefängnis landete, weil der Dorfpolizist einen Schuldigen brauchte. Und dieser „Wackes“ hat ein Buch geschrieben, und erfolgreich ist es noch dazu. „Gegen das Vergessen, gegen die Verdrängung, denn ich mußte meine Seele von einer Last befreien“, erzählt er an diesem milden Maiabend.

So hat sich Horst Lapp vor Jahren an eine alte Schreibmaschine gesetzt, hat die Buchstaben gesucht, hat in mühevoller Hackarbeit Worte und Sätze gebildet. Herausgekommen ist „Heimat – deine Sünder“, die Lebenserinnerungen des Hirtenbuben Horst. Auf 240 Seiten beschreibt der heute 52jährige, wie die Menschen im Tal mit ihm umgesprungen sind.

„Es drängte mich, all das aufzuschreiben, denn das Leben hier ist alles andere als idyllisch. Niemand, der mein Buch gelesen hat, kann glauben, daß hier, im schönsten Teil unseres Landes, wo die Wiesen so grün sind und der Himmel so blau und überall die Wegkreuze stehen, die Menschen so gemein sein können.“ Eigentlich habe er nur aufgeschrieben, wie die Bauern ihre Knechte schinden, wie feige und hinterhältig die Lehrer, wie gemein die Gemeindebeamten und wie falsch die Pfarrer sind.

In seiner derben und naiven Sprache räumt Lapp mit dem verlogenen Schwarzwaldbild so gründlich auf, daß er sich nicht nur die Feindschaft all der „guten Christen“ im Tal zugezogen hat, sondern auch die Wut der Verkehrsdirektoren.