Wo bleibt denn die Verstärkung? Die paar Bullen werden von den Autonomen doch eingemacht.“ Unten auf der Straße ruft ein Einsatzleiter seine Polizisten zum Vorrücken auf. Vergeblich. Ein Steinhagel prasselt auf ihre Schilder. „Wie die Hasen rennen sie weg. Die müssen stehenbleiben.“ Ein Wasserwerfer rückt an. „Richtige Räumfahrzeuge müssen her.“ Die braven Bürger, die am 1. Mai 1989 von ihrem Kreuzberger Balkon fachmännisch das Geschehen unten auf der Straße kommentieren, haben selbst Demonstrationserfahrung. Sie waren einmal Hausbesetzer, sind Mitglieder der Alternativen Liste (AL). Und sie ahnen die Schlagzeilen des kommenden Tages. Der rot-grüne Senat würde politisch die Zeche zahlen müssen.

Als nach stundenlangen Scharmützeln abends ein massives Polizeiaufgebot den Platz ohne jeden Stockschlag räumt und die Aufrührer in die Seitenstraßen fliehen, sind 304 Polizisten verletzt, muß ein Dutzend stationär behandelt werden.

Der Schuldige war schnell gefunden: Innensenator Erich Pätzold, mit „seinem Geschwafel von der De-Eskalation“, wie der Vorsitzende der Berliner Polizeigewerkschaft im Beamtenbund, Egon Franke, triumphiert. Die Opposition aus CDU und Republikanern brachte ein Mißtrauensvotum ein, der Bundestag debattierte über das Versagen der rot-grünen Sicherheitspolitik, in Berlin soll ein Untersuchungsausschuß einberufen werden.

Andere sahen die Schuld anderswo. „Eine derartige Häufung von Versagen der Einsatzleitung“ kann sich Hilmar Krüger, Sozialdemokrat und Polizist, dagegen „einfach nicht erklären. Dilettantismus schließe ich fast aus.“

Tatsächlich hatten am 1. Mai in Berlin Bereitschaftsführer und auch der Leiter des Sondereinsatzkommandos SEK der Einsatzleitung ihre Hilfe angeboten. Aber Einsatzleiter Frank Ernst wollte sie nicht. Erinnerungen an den Palmsonntag 1981 wurden geweckt. Damals schlug ein Haufen militanter Hausbesetzer auf dem Kurfürstendamm Schaufenster ein, fast unbehindert von der Polizei. Wenige Wochen danach fiel Hans-Jochen Vogels SPD-Regierung.

Landespolizeidirektor Manfred Kittlaus, oberster Polizeibeamter der Stadt, fühlt sich von solchen Verschwörungstheorien in seinem Selbstverständnis getroffen. „Eine derartige Verabredung würde zur Befehlsverweigerung führen.“

Aber etwas anderes macht ihm eigentlich zu schaffen. Erstmals in der Geschichte des Berliner Abgeordnetenhauses wurden vom Innensenator Protokolle von Polizeidienstbesprechungen der Öffentlichkeit vorgelegt: Erich Pätzold schützt sich selbst vor weiteren gezielten Indiskretionen aus der Polizei.

Unmittelbar nach dem 1. Mai waren CDU-Fraktion und Springer-Presse Protokolle von Vorbesprechungen zwischen dem Innensenator und der Polizeiführung zugespielt worden. Pätzold selbst hat sie vorher nie gesehen. Er will seine Ausführungen zur „De-Eskalation“ auch nicht als generelle Weisung zur Zurückhaltung in jedem Fall verstanden haben. Aber als solche wurden sie dargestellt. Er soll den Handlungsspielraum der Polizei „auf Null“ eingeengt haben.

Das Tischtuch zwischen Polizei und politischer Führung ist seitdem zerrissen. Pätzold sieht sich durch interessierte Kreise in der Polizei zum Sündenbock gemacht. Daß er deshalb eine Untersuchungskommission unter Leitung des pensionierten nordrhein-westfälischen Leiters der Bereitschaftspolizei, Kurt Gintzel, eingesetzt hat, brüskiert wiederum die Polizei.

Was aber war wirklich passiert? Der Landespolizeidirektor zündet die letzte Zigarette an, nestelt an der Packung, läßt sich neue Filterlose bringen. Er wuselt in Zeitungsartikeln, Interviews und Verlautbarungen. Pätzold-Zitate zur „De-Eskalationspolitik“ sind mit gelbem Marker hervorgehoben. Kittlaus hat sich nicht ohne Zorn an seinem Senator abgearbeitet.

Bereits 1986 habe er selbst öffentlich sein De-Eskalationskonzept vorgestellt. Aber das Gespräch sei das eine Standbein, der konsequente Zugriff das andere. Inzwischen ist ihm die von der CDU zugewiesene Rolle des Frontmannes gegen Pätzold offensichtlich zu heiß geworden: „Wir müssen aus der Konfrontation wieder herauskommen.“ Und: „Polizeidienst ist Vollzug eigener Entscheidungen, da wird auch von uns einiges nachzubereiten sein.“ Aber: „Im Streit um Polizeieinsätze werden auch politische Interessen verfochten.“

Tatsache ist: Die Polizeiführung war auf mögliche Ausschreitungen vorbereitet, und ihr Handlungsspielraum durch keinerlei restriktive Senatsanweisungen beeinträchtigt. Dies belegt der Einsatzplan, der der ZEIT bekannt wurde. Dieser Zwei-Stufen-Plan der Polizei sieht eine Phase I für einen friedlichen Verlauf der Demonstration vor: Überwachung in Zivil, gelegentlicher Raumschutz durch Gruppenstreifen und der Einsatz in Uniform nur bei begründeten Anlässen. Prinzip: „De-Eskalation“.

„Ein schnellstmöglicher Übergang in Phase II (Maßnahmen bei unfriedlichem Verlauf)“, heißt es dann im Plan, „ist sicherzustellen.“ Einsatzkräfte sollten an strategisch gunstigen Orten bereitgestellt werden. Und für die Phase II gilt das übliche Durchgreifrepertoire: Besetzung von Stationspunkten der Demonstration, Verhindern von Straftaten, gezielte Festnahmen. An sechs Einsatzbereitschaften ergeht die deutliche Anweisung: Vorkontrollen, seitliche Begleitung erkannter Störer, Verhinderung von Ausschreitungen, Objektschutz und Verhinderung des Abmarsches eines geschlossenen Störerblocks.

Eine Stunde vor Demonstrationsbeginn kam die Eilmeldung vom Verfassungsschutz über das, was zu erwarten sei: friedlicher Demonstrationsverlauf, Krawalle danach. Aber bereits kurz nach Abmarsch des Zuges flogen Steine auf einen Wachpolizisten, wurden Scheiben von Sex-Shops eingeworfen. Phase II hätte nun in Kraft treten müssen. Aber nichts geschah.

Der Verfassungsschutz hatte die Polizei informiert. Warum schenkte sie ihm keinen Glauben? Denn nach der Kundgebung wurden Steinedepots geöffnet. Ein harter Kern von ein paar hundert Straßenkämpfern bewaffnete sich und schlug los. „Ich wußte, daß es Krieg gibt“, sagte später Einsatzleiter Ernst, „ich wußte nur nicht wo.“

Und offensichtlich nicht wann. Die Einsatzleitung – das zeigt der Plan – glaubte, die Krawalle würden erst am Abend beginnen. Die Einsatzkräfte rückten zu spät heran. Das Debakel war perfekt.

„Hinterher ist man schlauer“, sagt Polizeidirektor Heinz Krähn, der seit Jahren in der Einsatzzentrale sitzt und jetzt immer wieder die Videoaufnahmen des Polizeieinsatzes abspielt. „Wir haben uns selbst verschätzt. Und wir hatten das erste Mal mit solchen gewalttätigen Großgruppen zu tun.“ Und denen war man einfach unterlegen. Noch einmal vergegenwärtigt er sich die Parole der Autonomen: „Es gibt keine Alternative zur Revolution.“ Das ziele, meint er, wohl auf die Alternative Liste und die neue Regierung. Kuno Kruse