Von Claus Leggewie

In der Bonner Bundeszentrale für Politische Bildung wird derzeit erwogen, die Veröffentlichung eines extrem rechts stehenden Verlages ins „Zusatzverzeichnis“ aufzunehmen. Ein Teil der Auflage des im letzten Jahr im Mut-Verlag erschienenen Esssaybandes „Vom Geist Europas“ von Gerd-Klaus Kaltenbrunner soll angekauft werden und könnte dann kostenlos von „Multiplikatoren“, vor allem Lehrern, Professoren und Journalisten angefordert und für die politische Bildung genutzt werden.

Dieses Zusatzprogramm ist ein Service der Bundeszentrale neben der umfangreichen Eigenproduktion von Büchern, Broschüren, Zeitschriften und sonstigen Materialien – am bekanntesten ist wohl die Wochenzeitschrift Das Parlament und die dazugehörige Beilage Aus Politik und Zeitgeschichte, mit der Zigtausende von Pädagogen und Publizisten arbeiten. Verlagsprodukte werden durch Aufnahme in dieses „Zusatzverzeichnis“ indirekt subventioniert und wohl auch prämiert: Publikationen, die die Bundeszentrale vertreibt, erreichen höhere Auflagen und werden damit gewissermaßen als „besonders wertvoll“ eingestuft.

Der Mut-Verlag (im niedersächsischen Asendorf) ist bekannt durch seine Zeitschrift MUT. Acht Mark kostet ein Exemplar der bunten Kunstdruckhefte im Kleinformat mit einer für den für politisch-kulturelle Zeitschriften schwierigen westdeutschen Markt beachtlichen Auflage von monatlich über 10 000, nach Verlagsangaben sogar 25 000 Stück: schöngeistige, oft geschwätzige und verquaste Klage über kulturelle Dekadenz und nationalen Niedergang, verfaßt von prominenten Autoren. Eine Zeitschrift, die eine Empfehlungs-Schreiben von Kanzler Kohl vorzeigen kann, in dem er sich als „ständiger Leser“ zu erkennen gibt. Bescheinigt bekommt dies ein rabiater, unterdessen ins Schöne, Wahre und Gute abgehobener Nationalismus. 1970 war MUT-Herausgeber und Verlagschef Wintzek sogar die NPD zu lasch und er wurde Mitbegründer der „Aktion Widerstand“, die unter anderem mit dem üblen Spruch „Brandt an die Wand!“ Propaganda gegen die Ostvertage machte.

Mut, eine nicht eindeutige bestimmbare Eigenschaft des Menschen, im weiten Feld zwischen riskanter Zivilcourage der Schwachen und aufgeplustertem Gratismut der Konformisten, ist seit den 70er Jahren ein Lieblingswort von Wert- und Strukturkonservativen aller Art geworden. Mit dem Pädagogenkongreß „Mut zur Erziehung“ fing 1978 die Tendenzwende an. Mut zur Revision unseres Geschichtsbildes im sogenannten „Historikerstreit“ und „Mut zur Elite“ waren die Folgen und mit „Mut zu Deutschland“ endet es heute. Franz Schönhuber verspricht mit TV-geübtem Vibrato in der Stimme, mutig das Kreuz auf sich zu nehmen – und wenn er für Deutschland sterben müsse.

Zum Zeitschriftennamen wurde MUT 1979, ursprünglich als Titel der meistgelesenen rechtsradikalen Jugendzeitschrift, die einmal wegen Rassenhetze indiziert und bis 1983 regelmäßig im Verfassungsschutzbericht geführt wurde, bis Zimmermanns wehrhafte Demokraten das nicht mehr für angebracht empfanden. Denn nun hatte Wintzek begonnen, seine gestalterisch aufpolierte Zeitschrift zum bedeutensten nationalkonservativen Organ und zur geistigen Brücke und Klammer zwischen gemäßigten und extremen Rechten zu machen und damit zur Speerspitze einer neuerlichen Tendenzwende – und er hat alle Aussichten, dies mit offizieller Unterstützung aus Bonn und München zu schaffen. In MUT schreiben nämlich nicht nur bekennende Autoren der Neuen Rechten wie Armin Mohler, Hellmut Diwald und Wolfgang Strauss, sondern seit einigen Jahren auch schöngeistige Edelfedern aus Unionskreisen: Hans Maier, Rupert Scholz, Franz Alt und Gertrud Höhler. Dabei geht es inzwischen weniger um die Verwendung nützlicher Idioten zu rechtsradikalen Zwecken. Die wachsende Übereinstimmung von halbrechts mit ganz rechts nicht mehr in einem Verhältnis einer Fußnote zu einem Satz, sondern ein gemeinsamer Text ist im Entstehen begriffen, dessen Botschaft heißt: „Deutschland zuerst“.

Der Verlag veröffentlicht neben der rechtsintellektuellen Zeitschrift zunehmend Bücher, dickleibige Essays zum hohen Preis und schmale wohlfeile Streitschriften, die das bestätigen. Meist geht es um Nationales in Wort und Tat, um zeithistorische Entlastung von angeblicher Geschichtsfälschung über die Jahre 1933 bis 1945, aber auch um aktuelle Plädoyers für eine neue Rechtspartei neben der Union und eine, wie es so schön im Werbetext heißt, „ideologiefreie“ Version von Eugenik. Im Mut-Verlag publizierten intellektuelle Vorreiter der „Republikaner“ wie Caspar von Schrenck-Notzing und Emil Schlee und, der Radikalrevisonist Alfred Schickel, Pfarrer Alexander Evertz von den „Evangelischen Notgemeinschaft“ und der knochenkonservative Soziologe Helmut Schoeck – diese Namen symbolisieren einen politisch-kulturellen Komplex rechts von CDU und CSU, der jedoch weit in deren Miglieder- und Wählerreservoir hineinragt.