Von Michael Conrad

Bielefeld,

Strahlende Junisonne bescheint den Schauplatz, eine Geistersiedlung im Bielefelder Ortsteil Brake. Auktionator Detlef Jentsch eilt als Regisseur einer in der Geschichte der Bundesrepublik bisher einmaligen Versteigerung bald hierhin, bald dorthin, um – unterstützt von 35 Angestellten des Liegenschaftsamtes der Stadt – die letzten Vorbereitungen zu treffen. In Brake sollen sämtliche Installationen und das noch vorhandene Mobiliar aus 23 Einfamilienhäusern versteigert werden, die allesamt nicht länger als fünf bis sieben Jahre bewohnt waren und seit einigen Jahren „abgesiedelt“ sind, wie es im Amtsdeutsch heißt. Im November sollen sie abgerissen werden. Die kurze Freude der Häuslebauer hatte Gründe, die zum Himmel stinken und der selbsternannten „Freundlichen Stadt am Teutoburger Wald“ einen Umweltskandal allerersten Ranges bescherten.

Der Besitzer ausgetonter Lehmgruben am Rande einer Ziegelei, die einst auf dem Gelände stand, hatte sich – mit amtlicher Genehmigung – über Jahre einen passablen Nebenerwerb verschafft, indem er die ausgehobenen Lehmgruben rund um seinen Betrieb für die Entsorgung hochgiftiger und angeblich geklärter Schlämme aus Galvanisierungsbetrieben der Umgebung zur Verfügung gestellt hatte. Was auch immer es an Umweltgiften gab und gibt, dort lief es durch dicke Rohre aus den Lkw in die Gruben, um anschließend unter einer Schicht von Bauschutt begraben zu werden. 60 000 Liter Giftschlamm waren es pro Jahr. Sie hätten ausgereicht, die Bevölkerung ganz Europas zu vernichten, wie damals eine Lokalzeitung schrieb. Die Besitzer des verseuchten Fleckchens Erde wechselten mehrmals im Lauf der Zeit, und keiner schnitt schlecht dabei ab. Schließlich wurde es Bauland, und die Sicherheitsbedenken der Verantwortlichen reichten nicht aus, um eine Wohnbebauung der Giftmülldeponie zu verhindern. Erst als die meisten der besagten 23 Eigenheime bereits standen, förderte ein Bagger bei neuen Ausschachtungsarbeiten zufällig die stinkende Brühe zutage. Ein mißtrauischer Anwohner ließ eine Probe der Flüssigkeit untersuchen, die Ergebnisse waren alarmierend, und der Skandal nahm seinen Lauf.

Die Bauherren von einst sind inzwischen entschädigt, und wer die Zeche zu zahlen hat, entschied in diesem Frühjahr der Bundesgerichtshof: die Stadt Bielefeld und damit die kommunale Schadensausgleichskasse, eine Art Haftpflichtversicherung der Städte und Gemeinden, die auch für die Kosten der Bodensanierung in Brake aufkommen wird. Fünfzig Millionen Mark Gesamtkosten sollen nach vorläufigen Schätzungen bis zum Ende der Sanierungsarbeiten auf sie zukommen. Kein Wunder also, daß die Stadt nun wenigstens den finanziellen Schaden begrenzen will und Detlef Jentsch engagierte, um mit der Versteigerung all dessen, was noch nicht als verseucht gelten kann, wenigstens einen Teil der Unkosten zu decken. Und versteigert wurde eine ganze Menge. Von der Steckdose übers Gäste-WC bis zur Fertiggarage sollte an diesem Samstag und den beiden folgenden Werktagen alles unter den Hammer kommen, was nicht niet- und nagelfest ist. Eventuell sogar zwei Fertighäuser, freilich ohne ihren kontaminierten Betonsockel.

Für Detlef Jentsch eine echte Herausforderung. Ein achtstündiges Auktionsmarathon stand ihm bevor, als er Punkt elf Uhr an sein Pult trat. Eines der letzten makaberen Kapitel der langen Skandalgeschichte um die Braker Altlasten wurde mit dem Ausruf einer Kücheneinrichtung zum Mindestgebot von 30 Mark eröffnet, die immerhin 1100 Mark brachte. Von besonderer Delikatesse bei dieser Auktion war Paragraph 2 der Versteigerungsbedingungen, die Jentsch zuvor verlas: „Die Gegenstände werden ohne Zusicherung von Eigenschaften und ohne jede Haftung für Mangel in dem Zustand versteigert, in dem sie sich zur Zeit des Zuschlags befinden.“

Große Sensibilität angesichts des verseuchten Bodens herrschte unter den rund tausend Besuchern jedoch nicht. Sorglos aßen und tranken ganze Familien auf den abgesperrten und mit Warnschildern versehenen Rasenflächen rund um den Auktionsplatz, was die mitgebrachten Picknickkörbe hergaben. Nicht wenige bedauerten den bevorstehenden Abriß der Häuser, in die sie ohne Bedenken einziehen würden. Die Bieter der Auktion – hauptsächlich selbst Häuslebauer – waren auf Schnäppchen eingestellt, das schaulustige Volk freute sich auf das, was Detlef Jentsch zu Anfang wünschte: viel Spaß und spannende Unterhaltung.

Unterhaltend wurde es vor allem gegen Ende der Veranstaltung. Zum Beispiel als eine Bieterin unter Tränen feststellte, daß sie anstelle der begehrten Küchenzeile für 300 Mark einen Mülleimerschrank erworben hatte. Diese und ähnliche kleine Pannen am Rande der Großauktion konnten den übrigen die Freude an der billig ersteigerten Garage und dem günstigen Heizkessel nicht verderben. Von den ehemaligen Bewohnern fand sich nur eine zu dem Spektakel ein, um mit eisiger Miene dem großen Kehraus nach dem Giftspuk zuzusehen.