Von Nathan Stoltzfus

Vor dem Morgengrauen rollten Wagenkolonnen mit Soldaten der Waffen-SS durch die stillen Straßen Berlins. Die Einheit der SS-Panzergrenadierdivision „Leibstandarte Adolf Hitler“ – Soldaten in Stahlhelm und feldgrauer Uniform, mit gezückten Bajonetten und Maschinenpistolen – war ausgesandt worden, um nach der Katastrophe von Stalingrad die Wut der Naziführung über die Niederlage auf die Juden abzulenken: Der Auftrag lautete an diesem Samstag, dem 27. Februar 1943, Berlin „judenrein“ zu machen. Die Soldaten stürmten in die Fabriken und trieben die Juden von ihren Arbeitsplätzen weg. Es war der Anfang vom Ende für Tausende von Berliner Juden.

Die Männer der SS und der Gestapo fielen in den Fabriken gnadenlos über die Männer und Frauen an den Werkbänken her, die als Juden identifiziert wurden. Ohne jegliche Erklärung wurden die Opfer auf die wartenden Lastwagen gepfercht, noch in Arbeitskleidung, ohne Wintermäntel. An den Arbeitsplätzen blieben die zu Hause bereiteten Frühstücksstullen und Mahlzeiten zurück. Die Häscher klatschten in die Hände und brüllten „Schnell, schnell!“ oder „Dalli, dalli!“ und trieben die Juden mit Gewehrkolben voran. Schwangere Arbeiterinnen und Männer, die zu alt waren, um auf die Wagen zu springen, wurden wie Vieh auf die Ladeflächen geworfen oder geschoben. Dutzende erlitten Knochenbrüche. Viele von denen, die morgens ihre Wohnungen verlassen hatten wie an jedem Arbeitstag, ohne sich noch einmal umzudrehen zu einem letzten Lächeln, einer letzten Umarmung, starben bald darauf in den Gaskammern von Auschwitz.

Die Juden wurden zunächst in behelfsmäßigen Sammellagern eingesperrt; unter anderem in einer riesigen Kraftfahrzeughalle der Wehrmachtkaserne „Hermann Göring“ in Berlin-Reinickendorf, im Reitstall der Kaserne an der Rathenower Straße, in der Synagoge Levetzowstraße, im Vergnügungslokal „Clou“ an der Mauerstraße, im Lager Große Hamburger Straße und schließlich in der Behörde für Wohlfahrtswesen und Jugendfürsorge der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße.

Diese Sammellager waren Schauplatz furchtbarer Szenen voller Brutalität auf der einen und voller Schrecken auf der anderen Seite. Die Stunden des Entsetzens wurden von den Überlebenden nie vergessen. Eine, die davongekommen ist, erinnert sich noch genau an den schrecklichen Moment, als die SS die Türen eines Lastwagens öffnete: „Eine ältere Frau fiel uns blutüberströmt, ohnmächtig in die Arme. Hinter ihr taumelte ein vielleicht siebzehnjähriges Mädchen vom Wagen, dem das Blut über das Gesicht lief. Ihm folgte ein Mann, der aus einer Beinwunde blutete. Er stützte seine Frau, deren Kleid völlig zerrissen war. Es waren Menschen, die sich zur Wehr gesetzt hatten, wie die SS lachend erklärte. Ein junger Bengel stand grinsend da und machte Aufnahmen.“

Szenen der Panik folgten. Mütter schrieen nach ihren Babys, die daheim warteten. Kinder, die man zu Hause aufgegriffen hatte, während ihre Eltern fort waren, verlangten weinend nach Mutter und Vater. Eheleute, die in verschiedenen Fabriken arbeiteten, wurden in getrennte Sammellager gebracht. Einige wurden fast wahnsinnig vor Angst um ihre Liebsten. Menschen flehten um eine Verlegung, um einen Schluck zu trinken, um ein bißchen Stroh, damit man sich setzen konnte. Sie froren in ihren dünnen Arbeitskleidern, hungrig, zerschlagen, ohne warmes Wasser oder Toiletten. Manche suchten den Ausweg im Selbstmord. Eine Zeugin: „Es gab Fensterstürze, man warf sich unter die Autos, man nahm Gift, es war grauenhaft.“

Inmitten dieser Not stolzierten SS- und Gestapomänner, einige mit Reitgerten darunter, und genossen es, bei dieser „Judenschlußaktion“ kommandieren zu können. Jung und ehrgeizig wollten sie sich hier hervortun. Sie sortierten die Juden aus Mischehen und die „Mischlinge“ aus, teilten jene in Gruppen von „Privilegierten“ und „Einfachen“, diese in „Geltungsjuden“ und „Mischlinge 1. Grades“ (siehe Kasten „Wer war ‚Geltungsjude‘?“ auf Seite 10). Die Mischehepartner und „Mischlinge“ wurden erneut auf Lastwagen verladen und in das vierstöckige Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße 2-4, Berlin-Mitte, verlegt.