Gut ein Jahr vorher, am 28. April 1920, hatte ein Mitarbeiter namens Adolf Hitler im Völkischen Beobachter gefordert, „daß die Nationalverbrecher, angefangen von Erzberger bis Simons einschließlich des ganzen parlamentarischen Gesindels, das sich an ihren Verbrechen mitschuldig gemacht hat, vor einen Staatsgerichtshof gestellt werden ... Schon jetzt erlauben wir uns, den dereinst einzusetzenden nationalen Gerichtshof darauf aufmerksam zu machen, daß infolge Lichtersparnis ein großer Teil unserer Bogenmasten frei ist.“

Das Verbrechen, das Matthias Erzberger begangen hat und das ihm der Miesbacher Anzeiger und der Völkische Beobachter auf keinen Fall durchgehen lassen wollen, besteht in der Unterzeichnung des Waffenstillstands mit Frankreich. Erzberger gehört damit für die rechtsnationalen Kreise in der Weimarer Republik zu den „Novemberverbrechern“, die den, wie es damals hieß, „im Felde unbesiegten“ deutschen Frontsoldaten den Dolchstoß versetzt haben sollen. Der badische Zentrumspolitiker war außerdem an der von den Sozialdemokraten Ebert und Scheidemann geführten Koalition beteiligt, die nach der Abdankung des Kaisers die Regierung in Deutschland übernommen hatte.

Der anonyme Mitarbeiter des Miesbacher Anzeigers, der so unfreundliche Worte für Erzberger findet, hat noch ganz andere Kraftsprüche auf Lager. „Wir urteilen sachlich“, behauptet der Kolumnist, „wir urteilen sachlich und sagen, diese Republik, so, wie sie ist, zusammengeschustert, ideenlos, gegen Rasse und Art, gegen Volkstum und Tradition zusammengeleimt, unsauber, pöbelhaft, geschmacklos geleitet vom ersten Tag an, diese Spottgeburt aus Dreck und ohne Feuer, verabscheuen und hassen wir.“ Gehaßt wird alles, was sich in Deutschland seit Kriegsende ereignet hat, bespien werden alle, die seitdem in verschiedenen Regierungen versucht haben, die Republik am Leben zu erhalten.

Mit einem höchst bescheidenen Wortschatz, aber desto größerer Durchschlagskraft wird alles Preußische, Sozialdemokratische und Jüdische in Grund und Boden geschmäht. Der ermordete bayrische Ministerpräsident Kurt Eisner ist ein „Saujud“, und sein Tod wird als „Hinrichtung“ bejubelt, Erzberger ist die „schwäbische Kröte“, ein „Reichsverderber“ und „Erzlump“, er gehört zur „jüdischen Mörderbande“, zu den „Weimarer Rindviehern“, zur „galizischen Pest“, wird unterstützt vom „beschnittenen Berliner Gossenjournalismus“. Begleiterscheinungen des „verjudeten“ und „verpreußten“ Berliner „Sauregiments“ sind die „hebräische Kinounflat“, das „expressionistische Zion“, der „Dreck von Futuristen“. Mitverantwortlich für den seit der „Revolutionsschweinerei“ herrschenden „Saustall“ sind jene „norddeutschen Klosettpapiere“, in denen „degenerierte Männchen“ schreiben wie beispielsweise der „jüdische Paralytiker“ und „kleine galizische Krüppel“ Kurt Tucholsky.

Das alles und noch viel mehr hat der zweifellos temperamentvolle Ludwig Thoma geschrieben. Aber war das wirklich der hellwache, allzeit kritische Beobachter der kaiserlichen Flotten-, Buren- oder Denkmalpolitik? Der scharfzüngige Sprachanalytiker, der Wilhelm Zwos unsägliches Geschwätz genüßlich entlarvt hatte? In 172 ungezeichneten Beiträgen für den Miesbacher Anzeiger hat dieser einst so kritische Schriftsteller vom 15. Juli 1920 bis wenige Tage vor seinem Tod im August des folgenden Jahres übelste Volksverhetzung betrieben. Thomas Beiträge mußten anonym erscheinen, weil er sich bei seinen alten Freunden nicht kompromittieren wollte. Obwohl in Miesbach wie in München etliche Kollegen Bescheid wußten, wurde Thoma nie für sein Gegeifer verantwortlich gemacht. Erst Josef Hofmiller, Redakteur jener Süddeutschen Monatshefte, die 1924 die Dolchstoßlegende propagierten, sammelte die Aufsätze und lüftete 1930 das Geheimnis – vermutlich weil es politisch opportun war, sich eines so prominenten Vorreiters zu versichern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Rechte-Inhaber Piper verständlicherweise kein Interesse daran, den populären Autor durch die eigenen Entgleisungen zu schädigen. Die Artikel im Miesbacher Anzeiger blieben deshalb bis heute ein Gerücht, obwohl sie seit 1957 in der Münchner Bibliothek lagen und Forschern zugänglich waren. Mit den Gerüchten ist es jetzt vorbei. Fast siebzig Jahre nach ihrem ersten Druck erscheinen die anonymen Beiträge erstmals unter dem Namen ihres Autors.

Der von dem Regensburger Historiker Wilhelm Volkert herausgegebene Band, der in diesen Tagen im Piper-Verlag erscheint (480 Seiten, 98,– DM), bestätigt allerdings die schlimmsten Befürchtungen: Ludwig Thoma war ein wüster Antisemit, ein Republikfeind von schaurigen Graden, ein Hetzer, der selbst im Stürmer nicht durch besondere Zurückhaltung aufgefallen wäre. Im Gegenteil hat Thoma sein gesamtes polemisches und satirisches Talent darauf verwendet, die ungeliebte neue Republik zu schmähen, ihre Repräsentanten zu verleumden und bei jeder Gelegenheit mit Strafaktionen zu drohen. „Schauen wir zu, daß nochmal der rote Fetzen durch München getragen wird? Oder schlagen wir jeden Hund tot, der das arme Vaterland in neues Verderben stürzen will?“ Pardon wird nicht gegeben: „Gegen die Leute gibt