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es nichts als die geballte Faust und wo sie uns dreinreden wollen – drauf auf die Schnauze!“

Das war der Ton, der an vielen bayrischen Stammtischen herrschte, auf den man sich aber auch im Schwabinger Schummer schnell verständigt hatte. Die Mitglieder der Thüle-Gesellschaft, des „Alldeutschen Verbandes“, die Mitglieder der Deutschen Arbeiter-Partei (DAP), die sich seit Anfang 1920 NSDAP nannte, die Studentencorps, die erfolgreich für die Begnadigung des Eisner-Mörders Arco petitioniert hatten, aber beispielsweise auch Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen, Angehörige der „Organisation Consul“, die auf Vertragsbasis den Fememord an Politikern und Privatpersonen betrieb: Alle verstanden die Botschaft, und einige handelten auch danach. Als Schulz 1950 endlich vor ein halbwegs ordentliches Gericht gestellt wurde, gab er seinen Auftrag von 1921 zu Protokoll: „Gemäß der in der Leitung stattgefundenen Auslosung wurden Sie [Schulz und Tillessen] ... dazu bestimmt, den Reichsfinanzminister a. D. Erzberger zu beseitigen. Die Art der Ausführung bleibt Ihnen überlassen.“

Für diesen Mord ist der Hetzer Ludwig Thoma zumindest mitverantwortlich. Nur sein früher Tod hat ihn daran gehindert, Mitglied der NSDAP zu werden (ein nichtausgefüllter Aufnahmeantrag fand sich im Nachlaß) oder den Marsch auf die Feldherrnhalle und das Urteil gegen Hitler und seine Kombattanten publizistisch zu begleiten. Und was wäre von einem Mann zu erwarten gewesen, der keine zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bereits mit einem Pogrom drohte: „Es ist gut, daß das deutsche Volk zu seinem größten Teile nicht weiß, was Berliner Winkelblätter schreiben. Sonst könnte der Antisemitismus noch ganz andere Formen annehmen und sich nicht darauf beschränken, Hakenkreuze anzumalen.“

Der Judenhaß hat sich ja auch nicht aufs Hakenkreuzmalen beschränkt, sondern ist beherzt zur Tat geschritten, später. 1941, als die deutschen Städte auf die deutsche gründliche Art von Juden gesäubert waren, stattete ein „H. S.“ im Völkischen Beobachter den Dank der Bewegung bei einem ihrer eifrigsten Schützenhelfer ab: „Thomas Artikel im Miesbacher Anzeiger dürfen heute den Anspruch darauf erheben, zu den ersten publizistischen Zeugnissen eines aufrechten Widerstandes gegen das Verbrechen von 1918 gerechnet zu werden. Sie bezeichnen zudem den letzten Schaffenshöhepunkt eines reichen Lebens, das allzufrüh am 26. August 1921 erlosch.“

Eine erstaunliche Karriere: vom Kettenhund der im Kaiserreich verfemten Sozialdemokraten zum Wegbereiter des „Dritten Reiches“. Wahrscheinlich ist kein anderer Schriftsteller – von dem ungemein wendigen Arnolt Bronnen einmal abgesehen – menschlich und politisch derart versackt. Sieht man sich jedoch Thomas wechselhafte Biographie etwas genauer an, dann wirkt dieser Lebensweg schon viel konsequenter.

54 Jahre war Ludwig Thoma erst alt, als er starb. Schon vorher war er müde geworden, erschöpft von dem, was ihm und seiner süddeutschen Heimat zugestoßen war. „Eine Welt ist für mich versunken“schrieb er Anfang 1919 an Conrad Haußmann. „Erschrocken sehe ich, was alles und wie es zugrunde ging. Was dem Leben Sinn und Schmuck gab, was an seinem Platze dem Ganzen diente, die ganze reizvolle Mosaik eines Volkslebens durcheinander geworfen, sinn- und zwecklos geworden im wüsten Haufen.“