Anton Bruckner: „Sinfonie Nr. 8 c-moll“

Eigentlich hatten sie das Stück an diesem 15. August bei den Salzburger Festspielen aufführen wollen, aber... So ist nun diese für die audiovisuelle Totalausnutzung entstandene Aufnahme das (vorerst) letzte Zeugnis einer auf alle Höhen (und durch alle Tiefen) geführten künstlerischen Zusammenarbeit, wie sie in der visionären Kraft und technischen Brillanz, der menschlichen Erfahrung und ökonomischen Cleverness, der interpretatorischen Tradition und der routinierten Vermarktung erst in diesem ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert realisierbar wurde. Höhen und Tiefen – auch auf diesen beiden Platten. Es gibt Stellen in dieser Aufnahme, die majestätischer, überwältigender, triumphaler kaum gedacht werden können – die Enwicklung über [D-E-F] im ersten, die Passagen [D-E] (und Parallelen) im zweiten, die Anfangsphase und entsprechend [Ee-Gg] im vierten Satz, beispielsweise. Aber daneben auch auffällige Unpräzisionen (1/69 im Blech, 1/178 im Holz, als Beispiel); seltsame Tonfärbungen, um nicht zu sagen Fehlstimmungen (vor allem im vierten Satz); eine so gar nicht der ausdrücklichen Notation folgende Phrasierung der Unterschiede Viertel gegen Triolen im 1. Thema des 1. Satzes; überhaupt (zu) oberflächliche Strukturierung der Sätze. Erstaunt denkt man zurück: So lange ist es doch noch nicht her, daß das selbe Orchester unter Giulini die Achte in Vollendung einspielte. Aber das ist offenbar die Crux einer auch von den Notwendigkeiten einer Bild-Aufzeichnung abhängigen Aufnahme: daß sie akustische Mängel in Kauf nehmen muß. (Wiener Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan; DG 427 611)

Heinz Josef Herbort

„captured moments“

Ganz gleich, ob man diese musikalischen Momente für „erbeutet“ oder „eingefangen“ hält: Es sind die Musiker selbst, die sie erzeugen – und sie dann gleichsam in die Luft werfen, auffangen, ausschmücken, drehen und wenden, deuten und umdeuten. Sie treiben ihr Spiel damit. Die Musiker sind: der Kontrabassist Heiner Merk, der Gitarrist Andreas Piesch und – unüberhörbar primus inter pares – der Flötist Charles Davis. Sie improvisieren, und das auf kultivierte, ganz traditionelle, sehr virtuose Weise, von der sich vor allem der Flötist Davis anstiften läßt, sein Instrument auszukundschaften, blasend, prustend, stoßend, zischend oder summend. Er entdeckt erstaunliche Klangfarben, aber natürlich genügen sie allein ihm nicht, sie sind für ihn Hilfen bei der passionierten „Erfindung“ seiner Musik. So gibt es auf dieser Schallplatte Liebeslieder und versonnene Charakterstücke, aber auch dramatische Experimente, bei denen zum Beispiel erst der Mund als ein überraschend modulationsreiches Geräuschinstrument benutzt wird, dann die Flöte herbeigerufen wird, bis sie sich schließlich, heftig beschworen, wie eine Schlange aus dem Korb emporwindet und am Ende kreischend in sich zusammenfällt. Man bemerkt eine geschickte Dramaturgie mit wechselnden Stimmungen, Charakteren, Temperamenten – es gibt dabei auch nicht eine unechte, leere, manieristisch geheuchelte Passage. (Chef Records/ARIS 807476) Manfred Sack