Von Willi Köhler

Die wenigen Beschreibungen der Tätigkeit von Lektoren haben eines gemeinsam: Sie stimmen mit der Alltagspraxis in den Lektoraten nicht überein. Als Lektor für psychologische Literatur fühle ich mich jedenfalls nicht angesprochen. Dabei bin ich in meinem Beruf keineswegs ein „Außenseiter“, das heißt, ich arbeite weder in einem Kleinst- noch in einem Fachverlag, sondern in einem sogenannten Publikumsverlag mittlerer Größe, der Hardcover- wie Taschenbücher produziert. Allgemeine Kriterien der Lektoratstätigkeit sollten mich folglich angehen.

Doch da lese ich in dem 1983 erschienenen Buch „Wie ein Buch entsteht“ des Verlegers und früheren Lektors Hans-Helmut Röhring, der „wichtigste Aufgabenbereich“ des Lektors sei die „Beratung des Verlegers bzw. Cheflektors bei der Programmpolitik und bei der Einzelentscheidung über ein Projekt“. Und Ehrhardt Heinold, der sich selbst „Personal- und Strategieberater“ für Buchverlage nennt, bezeichnet in seinem 1987 veröffentlichten Buch „Bücher und Büchermacher“ den Lektor als „Produktmanager“, der das „Gesamtprodukt (Buch) unter Marketingaspekten managt“. Heinold wäre freilich die Bezeichnung „Zielgruppen-Manager“ lieber, denn die gehe richtigerweise davon aus, „daß der betreffende Programm-Verantwortliche sich auf die Bedürfnisse seiner Zielgruppe konzentriert und das Programm danach gestaltet“.

Wie auch immer, eine solch euphemistische Beschreibung ihrer täglichen Arbeit wird vor allem die Lektoren von Taschenbuch-Programmen freuen, die bis zu achtzig Prozent ihrer (nur auf dem Papier geregelten) Schreibtischzeit auf die technische Abwicklung von Buchprojekten verwenden, deren Zahl sich in den vergangenen zwanzig Jahren grob geschätzt vervierfacht hat. Da bleibt für „Produkt- und Zielgruppen-Management“ nicht allzuviel Zeit, ganz abgesehen davon, daß „der Verleger bzw. Cheflektor“ heutzutage im allgemeinen an einer Beratung bei der Programmpolitik nicht auffällig interessiert ist, sondern vom Lektor – als einem von mehreren Hellsehern – vor allem klare Verkaufsprognosen erwartet.

Der Lektor von heute, ob für Belletristik oder Sach- und Wissenschaftsliteratur, ist nicht mehr – wenn er es denn je war – der kundige, vielseitig gebildete, von ständiger Neugier getriebene literarische Spurensucher, sondern ein von bürokratischen und technischen „Sachzwängen“ gehetzter Sachbearbeiter, dessen Schreibtisch wie eine Schleuse die flutartig anschwellende Textproduktion kanalisiert.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten, also etwa noch vor zehn, fünfzehn Jahren, kann vor allem der Lektor für Psychologie, zumal in einem Verlag mit dem „Image“ einer traditionellen Psychologie-Pflegestätte, in Texten und Projekten geradezu baden, wie Dagobert Duck im Geld. Sein Problem ist nicht der Mangel, sondern die Unmenge an Manuskripten und Lizenzangeboten, und gelegentlich überkommt ihn gar die Phantasie, daß heute jedermann „psychologische“ Abhandlungen schreibt, und zwar über alles und jedes und selbst noch das Ungewußte und Ungekannte wie die Immunschwäche Aids. Und in diesem Textwust soll er entscheiden, was sich verkauft und was nicht!

Seit Grundbegriffe aus der Psychoanalyse, der Urmutter aller Psychotherapie, aber auch aus anderen psychotherapeutischen Schulen die Alltagssprache inflationär durchsetzt haben, fühlen sich viele Gebildete kraft ihrer umfänglichen Lektüre (und eines hart erarbeiteten Diploms in Form einer eigenen Analyse) als Experten in Seelenheilkunde, die ihre Erfahrungen und Erleuchtungen flugs zwischen zwei Buchdeckeln unter die Leute bringen müssen. Unterdessen widmen sich die Meister und Meisterschüler der diversen Psycho-Schulen den filigranen Feinheiten ihrer Theorien und überfallen die Lektorate nach jeder glücklich absolvierten Gedankenschleife mit neuen Werken oder zumindest Konzepten.

Auf der einen Seite also theoretische Kletterpartien in den höchsten Schwierigkeitsgraden, auf der anderen Seite besinnliche Wanderungen in psychologischen Niederungen mit Blick auf die großen, unvergänglichen „Menschheitsthemen“ wie Liebe und Freundschaft, Angst und Aggression, denen die Seelenforscher immer neue Aspekte und Subaspekte abgewinnen. Einerseits nostalgische Rückkehr zum Bewährten, zu den großen Klassikern des Gewerbes, von denen noch jede hingeworfene Notiz ans Licht gebracht und ellenlang kommentiert wird; andererseits Kopfsprünge ins Abstruse, in die New-Age- und Esoterik-Psychologie, und dazwischen ein breitgetretener Quark aus tausendfach weitergereichten Zitaten und blankgewetzten Thesen. Sind die bereits Bibliotheken füllenden Spezial- und Sonderuntersuchungen über die Theorien der Gründerväter Freud, Adler und Jung noch einigermaßen überschaubar, wenngleich lesend kaum noch einzuverleiben – das Heer der Publikationen aus den Schulen und Schülchen der Psychotherapie (ihre Zahl wird auf einige hundert geschätzt) ist nicht mehr zu übersehen, geschweige denn zu lesen – nicht einmal mehr vom professionellen Leser, dem Lektor.

Dabei habe ich das populärpsychologische Feld, die zahllosen Ratgeber für alle Lebens- und Liebeslagen und die unvermeidlichen Einführungsbände in alles und jedes noch ausgespart, desgleichen die „Beziehungskisten“-Schnulzen nach dem Motto „Männer, die zuwenig ...“ und „Frauen, die zuviel lieben“, die zur Zeit Hochkonjunktur haben und einen solchen Produktionssog erzeugen, daß kaum ein Tag vergeht, an dem der Lektor nicht ein Imitat auf den Schreibtisch bekommt.

Diese Art Bücher sind nicht nur ein Indiz für die partnerschaftliche Hilflosigkeit nach den Stürmen der „sexuellen Revolution“, sondern auch für die Neigung zur Flucht, zum Rückzug aus der sozialen und politischen Sisyphusarbeit in die private Idylle und schließlich auch für die Ersatzfunktion der psychologischen Literatur in einer Welt ohne sinnstiftende Verbindlichkeiten, wie sie Religion und Philosophie jahrhundertelang angeboten haben.

Psychologie als „deutende“, hermeneutische, empirisch unkontrollierbare Wissenschaft mit einem schier unbegrenzten Potential an Erklärungs- und Interpretationsmöglichkeiten eignet sich hervorragend als Ersatz- und Privatreligion in einer von Schrecken verdüsterten Welt. Psychologie und Psychotherapie wirken nicht durch „Wahrheit“, sondern durch die Plausibiliät ihrer Erklärungen, durch Überzeugungskraft und nicht zuletzt durch das „Charisma“ einzelner Therapeuten, dem das Verlangen vieler Menschen nach blinder, rudelhafter Unterwerfung entspricht.

In dieser Situation unterscheidet sich der Lektor nicht mehr sonderlich vom gemeinen Leser mit psychologischer Viertel- und Halbbildung. Seine Professionalität bezieht sich nur noch auf das Technisch-Bürokratische seines „Jobs“. Als Leser wie du und ich läßt er sich spontan ansprechen, stochert hier und dort in Texten herum, immer auf der Suche nach Manuskripten und Büchern, die ihn persönlich anrühren. Ich suche nach Mitgefühl, ganz konkreter menschlicher Anteilnahme, und wo ich sie nicht spüre, spare ich mir die Lektüre, mag der Autor einen noch so klingenden Namen haben. Ich suche nach einer Psychologie, der das teil- und anteilnehmende Gespräch, dieses seit altersher bewährte „Therapeutikum“, wichtiger ist als die fachgerechte Applizierung behandlungstechnischer Elaborate.

Die seit längerem zu beobachtende Verhunzung der Psychologie kann einem Lektor, der sich auf seine wissenschaftliche Grundeinstellung immer viel zugute gehalten hat, arg zu schaffen machen. Wohin treibt das alles? fragt sich der Lektor bekümmert und sehnt sich, so er denn alt genug ist, nach den Zeiten zurück, als die Psychologie an den Universitäten noch ein Nebenfach war, wenig gefragt, aber um so aufregender, und als die Bücher Sigmund Freuds und anderer Vertreter der ersten und zweiten analytischen Generation nach Krieg und Adenauermuff endlich auch hierzulande wieder gelesen und mit heißem Herzen diskutiert wurden.

Willi Köhler ist Lektor für Psychologie beim Verlag S. Fischer in Frankfurt