Breitenberg/Harz

Die Straße nach Breitenberg ist eng, und vorzugsweise in den Kurven kommen breite Trecker und Mähdrescher entgegen. Doch aus dem Autoradio, auf UKW-Frequenz 100,4, ertönt Beistand: Der Heilige Christopherus fahre immer mit, als Schutzpatron der Autofahrer. Das macht Mut. Der Empfang der Botschaft auf UKW ist kein Zufall. Der Pastor der Kirche „Maria Verkündung“ in Breitenberg geht oft und gern auf Sendung. Jede Predigt, jede Messe überträgt der 64jährige Jan van der Brule im Radio, in eigner Regie. Damit aber hat sich der Geistliche strafbar gemacht. „Wegen fortlaufenden Verstoßes gegen das Fernmeldeanlagengesetz“ soll er am 25. Oktober vor das irdische Amtsgericht in Duderstadt.

Das Dorf mit seiner Kirchengemeinde liegt abseits, zwischen Harz und der Grenze zur DDR. Nach häufigen Gesetzesverstößen sieht es in Breitenberg eigentlich nicht aus. Saubere Straßen, zwei Dorfkneipen und eine Kirche. Vor dem einzigen Lebensmittelgeschäft steht ein Jesus-Kreuz, im gepflegten Blumenbeet. Fast alle der rund tausend Dorfbewohner sind katholisch. Wenn die Glocken läuten, füllen sich auch wochentags die Bänke in der Kirche.

Doch nicht alle Besucher sind willkommen. Am Kirchenportal hat er einen Zettel angebracht, der Näheres regelt: „Polizeibeamten und Bundespostbeamten in dienstlicher Funktion ist das Betreten der Kirche nur mit Genehmigung des Pastors oder mit einem Hausdurchsuchungsbefehl gestattet.“ Seit acht Jahren ist der gebürtige Holländer Seelsorger der Breitenberger Gemeinde. Früher einmal war er Fernmeldemechaniker in Indonesien. Diese Kenntnisse nutzte er vor dreieinhalb Jahren wieder. Im Pfarrhaus entstand der erste christliche Piratensender der Republik – so groß wie zwei Zigarettenschachteln. Die Alten und Kranken könnten mitunter nicht zum Gottesdienst kommen, andere aus dem Dorf hätten in den Ställen und auf den Feldern zu tun. „Wenn die Leute nicht zur Kirche kommen, muß die Kirche zu den Leuten kommen“, beschloß Breitenbergs Pastor. Die Reichweite des Senders überprüfte er bei nächtlichen Fahrten. Das Abhören der eigenen Probesendungen führte den Geistlichen auch an die DDR-Grenze. Dort traf er auf arglose Bundesgrenzschützer. „Denen habe ich gesagt, daß ich nachts die Felder segne, weil ich sonst nicht dazu kommen würde“, erinnert sich Jan van der Brule an diese Begegnung. Für den einwandfreien Empfang im Dorf reiche eine Senderleistung von 0,2 Watt bereits aus, fand er schließlich heraus. Denn weiter hinaus wollte Breitenbergs Seelsorger gar nicht, die übrigen Radioprogramme sollten nicht gestört werden. Der Senderadius beträgt gut einen Kilometer.

Van der Brule wollte zwar über den Äther für das Himmelreich werben, doch nicht auf Erden ein Missetäter sein. Im Herbst vergangenen Jahres schrieb er an die Staatskanzlei von Ministerpräsident Albrecht in Hannover und bat um Sendeerlaubnis. Keine Antwort aus der Staatskanzlei; statt dessen kam ein Fahndungstrupp der Bundespost nach Breitenberg. Der Sachbearbeiter der Oberpostdirektion hatte auf den kirchlichen Schwarzfunk hingewiesen. Laut Fernmeldeanlagengesetz müssen Sendeanlagen vor dem Betrieb genehmigt werden. Und nach dem niedersächsischen Landesrundfunkgesetz sind bislang nur landesweite Sendungen erlaubt, aber kein Lokalfunk.

Die Fahnder der Post beschlagnahmten den Sender am Altar – an einem Sonntag, als die Gläubigen von Breitenberg gerade ihre Kirche verlassen hatten. Und die Bundespost zeigte den Pastor an. Doch schon bald mußten die Fahnder wiederkommen; der Pastor hatte gleich einen neuen Sender gebastelt. Breitenbergs Gläubige sammelten 700 Unterschriften, um seine Botschaften auf UKW weiter hören zu können, und 10 000 Mark in der Kollekte für einen neuen Sender.

Vor Journalisten zitiert der Geistliche nicht aus der Bibel, sondern einen Beschluß der Rundfunkreferenten der Bundesländer vom 29. April 1975: „Beschränken sich Sendungen auf ein Gebäude oder einen zusammenhängenden Gebäudekomplex und stehen die Sendungen in einem funktionellen Zusammenhang mit den zu erfüllenden Aufgaben, werden sie von dem Rundfunkbegriff nicht erfaßt.“ Diese Ausnahme müsse auch für ihn gelten, denn das Dorf als Sendegebiet sei ohne Zweifel ein „zusammenhängender Gebäudekomplex“.