Manfred Bielers Roman „Still wie die Nacht“ – die „Memoiren eines Kindes“

Von Tilmann Moser

Es tut nicht gut, diesen schier endlosen Blick in den Abgrund einer Kindheit an einem Stück auszuhalten. Dies ist ein ernstgemeinter Rat. Denn der Schwindel erfaßt auch den geübten Leser. Die Atmosphäre steckt an wie eine unterirdisch eindringende Krankheit. Nach ein paar Stunden, wenn man sich wirklich einläßt, hat sich der eigene Blick auf die Welt verändert. Das eigene Unbewußte scheint vergiftet. Mir ist es bei der ersten Lektüre nicht rechtzeitig gelungen, die Notbremse zu ziehen. Der Text entwickelt einen Sog. Man ist ungläubig und fassungslos und spürt doch: Es stimmt alles, das erfindet einer nicht, es ist nur zuviel, und noch beim Nacherzählen, beim ersten Versuch, es hinauszuschreien und vielleicht ein wenig zu ordnen, ist es zuviel.

Das heißt nicht, daß das Erlebte so weit außerhalb des von vielen Kindern Erlittenen läge: Die Zahl der Alkoholiker geht in die Millionen, die Zahl der Ehefrauen (oder -männer), die, für das Kind leicht wahrnehmbar, unter zerrütteten äußeren wie inneren Verhältnissen fremdgehen, wird auch in die Hunderttausende gehen. Infantile Personen, die das verletzte Kind in sich selbst dadurch rächen, daß sie sich das neue Opfer unter ihren eigenen Kindern suchen, heiraten in Massen, und Großmütter, die in einem infernalischen Dreieck mitspielen und dennoch ab und zu für den Enkel die letzten Inseln von Zuflucht bieten, gibt es sicher ebenfalls in großer Zahl.

Das Außergewöhnliche ist, daß sich einer für ein paar Monate quasi einschließt und die Wucht der Erinnerungen aushält, obwohl er fühlt, sie könnten ihn zerstören: „Ich habe Angst vor dem, was in mir lauert“, heißt es sinngemäß immer wieder. Der Leser wird, in fast zu knapper Form, über die Fluchten und Hemmungen des Autors informiert, über die Sperren, die sich plötzlich vors Erinnern schieben, weil der Schreibende spürt, daß er einem Bild, einer Kränkung, einem plötzlichen Verlust an Boden in der Welt, die das Kind erlitten hat, noch nicht gewachsen ist.

Schlüssel zu geheimen Kammern

In einer Psychoanalyse hat der Patient einen Begleiter, so wie Dante seinen Vergil hatte beim Gang durch die Hölle. Manfred Bieler hat nur sich, seine Sprache, die Kraft der Bilder und vielleicht den idealen Leser, den er sich vorgestellt haben mag, der zum Zeugen wird, ein wenig wie ein Gott, der dies alles einhüllen könnte in ein gnädiges Verstehen, aus dem ein Sinn entstünde. Aber selbst dieser Leser als Zeuge und mitfühlender Adressat kommt dem Schreibenden immer wieder abhanden. Dann fragt er sich verzweifelt, welchen Sinn es haben könnte, zu diesen Erinnerungen heimzukehren und sie in Sprache zu gießen.

Einmal habe ich, wie um ihn zum Durchhalten zu ermutigen, auf eine solche zweifelnde Frage ein „Jaja“ mit vielen Ausrufezeichen an den Rand geschrieben. Denn die Expedition in den traumatischen Untergrund der Erinnerung war auf eine ungeheuerliche Weise erfolgreich. Sie bereichert unser Wissen vom Menschen, und zwar sowohl als Literatur, denn der Bericht ist sprachlich auf eine präzise und poetische Weise gelungen, wie auch als Krankenbericht, den man sich als Textband zu einer umfassenden Neurosenlehre vorstellen könnte, vielmehr als Atlas für die Bedingungen ihrer Entstehung.

Es muß einer, um das auf so packende Weise aufzuschreiben, in den Zustand des Kindes zurückkehren. Zweifler könnten sagen: An so frühe Dinge kann man sich doch gar nicht mit solcher Genauigkeit erinnern. Aber Bieler kehrt, ohne seine schriftstellerische Wachheit zu verlieren, wie in einer luziden Trance zurück in die Zeit, wo er, als ein Kleinkind, die Welt, vor allem die allernächsten Personen und ihre Bühnenbilder, mit der Nase wahrnahm; mit überwachen Ohren, die die Geräusche bewahrt zu haben scheinen, bis sie wieder zu hörbaren Lauten wurden. Die Netzhaut mit ihren so gierig-kindlichen Bahnen zum Gehirn scheint noch einmal in den Zustand der ursprünglichen Irritation geraten, so, als habe er alte Photoplatten entdeckt und halte sie nun vor die Sonne, um sie noch einmal zu entziffern.

Und je mehr Bieler schaut und sich erneut wundschaut, desto mehr wird er sich selbst wieder zum Rätsel: „Wo liegen die Schlüssel zu den geheimen Kammern? – Wie, zum Beispiel, gelingt es einem Dreijährigen, sowohl vor Fremden wie vor sich selbst zu verschweigen, daß seine Mutter ein Verhältnis mit dem Freund ihres Mannes hat? Wohin gerät ein solches Geheimnis? An welchem unzugänglichen Ort wird es aufbewahrt, um das Herz zu vergiften?“

Bieler hat eine außergewöhnliche Begabung, die Wahrnehmungsformen des Kindes zu reproduzieren und gleichzeitig den Kampf gegen diese Wahrnehmung zu schildern, weil es glaubt, sie nicht aushalten zu können. Man erlebt den Versuch der Verdrängung und Verleugnung, der verzweifelten Uminterpretation, als aktuellen Vorgang. Denn das Kind hat zu oft erlebt, daß die Wahrheit es überwältigte, weil es nicht auf sie vorbereitet war. Denn eines der Gesetze dieser Familie ist die plötzliche Enttäuschung, die überraschende Vernichtung aller guten Erwartungen, der rasche Umschlag der Stimmungen, die in Sekundenbruchteilen erfolgende Vergiftung einer Atmosphäre, das schlagartige Aufblitzen vernichtender Erkenntnisse. Was die kindliche Seele noch nicht fassen kann, muß auf den Müll: Aber der Container dafür ist der Körper. Das Kind reagiert mit Schweißausbrüchen, Einnässen, Einkoten, Erkältungen, Schlafstörungen, Panikanfällen mit Zittern, Kopfweh, einknickenden Knien, Gehstörungen, Atemnot, und all diese Reaktionen sind eingebrannt, zu früh und fast unveränderlich gebahnt.

Es geht immer, fast immer, um Scham. Jeder schämt sich über jeden, am meisten über sich selbst, und deshalb kämpfen alle um das Recht, so schnell es geht den jeweils anderen zu beschämen, zu entwerten, ihm in der vernichtenden Beurteilung zuvorzukommen. Das Kind ist immer mit der Verdoppelung der Scham konfrontiert: Die Fakten sind schwer auszuhalten, aber die körperliche Reaktion auf das seelisch noch nicht zu Bewältigende ist genauso beschämend: ein dauernder Zerfall der körperlichen Integrität, Kontrollverlust, für die er dann wieder bestraft wird, oder der in unerträgliche Isolierung führt.

Der 54jährige Autor versucht noch einmal, was dem Kind mißglückt ist: die Affekte auszuhalten und in Worten wahrzunehmen. Insofern handelt es sich um einen der elementarsten Versuche der Selbstheilung, man erfährt nur nichts darüber, ob er dem Autor als lebendiger Person geglückt ist.

Für den Ich-Erzähler stehen am Ende Bitterkeit und das Gefühl, sein Leben vielleicht nicht gelebt zu haben, weil das lebendige Selbst, mit dem man es lebt, auf der Strecke geblieben ist. Andeutungsweise wird klar, daß die Existenz als Schriftsteller der rettende, wenn auch mühselige Ausweg war.

Die kruden Fakten sind schnell erzählt, vom Moment der Geburt an (als ob dies der Beginn der Geschichte wäre!): „Mein Kopf ist zu dick. Der Arzt schneidet mich aus der Mutter heraus. Das Zimmer schwimmt in Blut.“ Vorausgegangenes kann man sich dazuphantasieren: der Vater Bauingenieur und Alkoholiker, die Mutter ein leichtsinniger, buntschillernder, sprachbegabter Vogel, die Eltern längst desillusioniert übereinander. Beide scheinen vom Kind eine Art Rettung erwartet zu haben, einschließlich der Großmutter. „Später, nach Jahren, erfahre ich, daß sich die Mutter ein Mädchen gewünscht hatte.“

Nun hat sie „einen Sohn und ist darüber so traurig, daß ihr die Milch stockt. Niemand kann sie aufheitern, auch der Vater nicht.“ Trotzdem beginnt ein Kampf um das Kind, jeder will ihm der Nächste sein, jeder will es zum Bundesgenossen haben, jeder es verwöhnen, wenn es dem eigenen Gleichgewicht gerade dient, und jeder es beschimpfen und schlagen, wenn dieses Gleichgewicht aus den Fugen ist. Dabei haben alle ihre Ideale von Elternschaft und Zuwendung, nur, sie können sie nicht erfüllen, und das macht sie wütend und beschämt. Sie entwerten sich alle gegenseitig, sie schlagen sich vor dem Kind, sie verlangen, daß es mitmacht beim vielfältigen Verrat, daß es, von Schlägen, Drohungen und bösen Blicken gezwungen, schweigt, Geheimnisse trägt, um Katastrophen zu vermeiden. Es hat alle in der Hand, darf aber das Wissen niemals nutzen. Daher die immer wiederkehrende Angst, totgeschlagen zu werden: Es weiß, daß es mit seinem Wissen tödliche Affekte auslösen könnte.

Die Mutter füllt ihre innere Leere und ihre Verlorenheit mit stets wechselnden sexuellen Beziehungen, deren Zeuge das Kind wird. Es kommt schier um vor Haß und Eifersucht und wird trotzdem und gegen seinen Willen einbezogen in die Fluten der Erregung, für die es noch keine Kanäle hat, außer der Panik und einer eigenen, frühreifen Sexualisierung. Deshalb klammert es sich an den Dauertrost der frühen Onanie, für die es, als es erwischt wird, durch blindwütige Schläge bestraft wird.

Alle guten Gefühle sind sehr früh durch Haß und Verachtung untergraben. Die allzu frühe Entidealisierung des Vaters erscheint noch als physischer Schmerz. Da alle Erwachsenen, auch noch in ihren unreifsten Reaktionen, auf seine Zuneigung und gar Bewunderung angewiesen sind, verändern sich dauernd die Machtebenen: Die Mutter, aber auch die Großmutter, betteln das Kind an um Liebe und Zärtlichkeit, gegen Ende kommt es zu offenem sexuellen Mißbrauch. Eine Atmosphäre der Schlüpfrigkeit durchzieht die Verstrickungen, und wenn man sich über einige Seiten dem pornographischen Sog überläßt und dann beschämt wieder hochfährt, als sei man in einen Sumpf geraten, dann erfährt man etwas über die Dauerwirkung einer solchen Atmosphäre: Gefühle, Bindungen und Beziehungen scheinen diktiert vom jeweiligen Zustand der Sekretion.

Etwas von der fast osmotischen Nähe des erwachsenen Schriftstellers zum Kind in ihm ist spürbar in kurzen Passagen, in denen er die verschwimmende Identität beschwört: „Wer von uns beiden ist erschöpft? Ich oder ich? Das Kind oder der Fünfzigjährige? Wem klopft das Blut in den Schläfen, ihm oder mir?“ Man könnte die „Memoiren eines Kindes“ als einen psychosomatischen Roman bezeichnen, so nahe ist die Seele noch an Zuständen, wo Affekt und leibliche Reaktion ineinander übergehen.

Verwöhnter Bengel und Giftzwerg

Liest man den Roman an einem Stück, so erscheint er einem zu lang und durch Wiederholungen einander ähnlicher Szenen aufgebläht. Denn die Struktur der Empfindung, die heillose Verstrickung in eine bodenlos egoistische Erwachsenenwelt, ist längst verstanden. Manchmal habe ich auch ein zensierendes „Selbstmitleid“ an den Rand geschrieben. Aber wie sollte ein Kind nicht das Selbstmitleid als einen legitimen Rettungsanker ergreifen, wenn es niemanden hat, dem es je sagen könnte, wie einsam es ist, so daß ihm der Teddybär als die einzige Person vorkommt, die es wirklich liebt – in einem chaotischen Gehege der universellen Lüge, in dem die Wahrheit sich ankündigt als Schweißausbruch oder einer inneren Überflutung mit Bildern des Hasses und der Verstümmelung derer, die das Kind doch lieben muß, weil es nicht anders kann. „Mir zerspringt die Brust. Ich fühle, wie meine Arme und Beine zu Stein werden. Alle haben mich belogen.“

Mit dem Schock über eine Lüge endet auch der Roman. Über lange Jahre kann ein Kind sich nicht daran gewöhnen, daß es belogen wird. Der Schmerz ist immer neu, bis das Potential an gleichsam von der Natur mitgebrachtem Vertrauen aufgebraucht ist. Das Kind entdeckt am ersten Schultag auf dem Weg zur Schule, daß die Schultüte eine leere Attrappe ist. „,Ist doch bloß zur Erinnerung!’ rufen Edith und Louise [Mutter und Großmutter] wie aus einem Mund.“ Es war eine Attrappe für den Phototermin.

In der Tat, die Erinnerung hat sich eingegraben. Es war eine böse Kindheit und doch nicht so, daß die Fassade der Normalität nach außen groß getrübt gewesen wäre. Es scheint, daß das Kind nie ein Sterbenswörtchen nach außen darüber sich zu verlieren gewagt hat. Es hat alles auf die innere Giftmülldeponie befördert und den Deckel mit den Quadersteinen der Erstarrung niedergedrückt. „Es sind nicht die Schläge, die mir so weh tun. Es sind Ediths böse, grausame Worte, die wie riesige Steine auf meiner Brust liegen ... Keine Knochen, keine Rippen brechen. Ich bleibe heil, bis auf mein Herz. Wo Liebe war, ist Haß... Ich weine nicht mehr.“

Der Leser wird auf eine atemberaubende Weise Zeuge, wie sich der immer wieder liebende Blick des Kindes in einen bösen Blick verkehrt, wie aus dem ängstlichen, herumgestoßenen und gleich darauf wieder mit überhitzter Zuneigung verwöhnten Bengel ein Giftzwerg von Matzerathschen Dimensionen wird, der die Erwachsenen mit zynischer Illusionslosigkeit beobachtet, Verhalten prognostiziert und die Webart des Lügengeflechtes untersucht, in dem er leben muß. Damit es nicht aufbricht, wird er jahrelang von den Nachbarskindern isoliert, einmal sogar für einige Monate für krank erklärt und ins Bett gesteckt, damit die Dinge, die es beobachtet hat, als Fieberwahn erklärt werden könnten, falls es sich verplappern würde oder gar zu reden begänne. Gerade dieser Einschluß des Erlebten ins unterirdische Zwischenlager für nahezu fünfzig Jahre konfrontiert uns heute mit einer in sich geschlossenen, präzise und wortgewaltig zutage geförderten Kinderwelt.

Die Bilder seines Hasses, die ihn überschwemmen, wenn der Knirps wieder einmal fallengelassen oder verraten wurde, sind auf eine präzise und facettenreiche Weise mörderisch. Die Demütigungen sind gespeichert und ergießen sich nun in erbarmungslose Momentaufnahmen der Anklage. Die Rache, die sich das Kind hunderte Male schwört („wenn ich groß bin“), liegt in der Genauigkeit der Szenen, der Stimmungen.

Die kindliche Perspektive wird unter anderem dadurch gewahrt, daß Bieler sich aller nachträglichen Kommentare, enthält: Die Vergangenheit ist unverarbeitet und unbearbeitet aufgebrochen. Das Erwachsenenwissen hat sich kaum vermischt mit dem kindlichen Erleben. Die unzähligen Überformungen, die wir mit unseren Erinnerungen vornehmen, Tag für Tag und Jahr für Jahr, scheinen diese ersten sechs Jahre nicht erreicht zu haben, weil sie unterirdisch geblieben sind.

In einem Telephoninterview mit dem stern verneinte Bieler spontan und heftig die Frage, ob er eine Psychoanalyse gemacht habe. Das Erinnerungsmaterial befände sich zwangsläufig in einem anderen Aggregatzustand, wenn es auf analytischem Wege zutage gefördert worden wäre, mit einem Begleiter, der bei der Dosierung und Verarbeitung behilflich gewesen wäre, auch bei der orientierenden Nachinterpretation.

Gerade deshalb habe ich als Analytiker viel aus diesem Buch gelernt und empfehle es Menschen, die sich, mit oder ohne Psychotherapie, auf der Suche nach ihrer Vergangenheit befinden. Texte von solcher Authentizität bieten Möglichkeiten, sich zu identifizieren wie sich abzugrenzen. Der Raum des Sagbaren weitet sich, aber auch der Raum dessen, was man für möglich hält. Nur gehört die Lektüre eingebettet in Gespräche. Die „Memoiren“ gehören zu den Büchern, die man am besten zusammen mit Partner, Freunden oder Kollegen liest. Denn zuviel unverdauliche Erinnerung kann ebenso zum Trauma werden wie die ursprünglichen Erlebnisse selbst. Aber Bieler zeigt: Es läßt sich aushalten, sich zu erinnern. Auf die Frage in besagtem Interview, ob es jetzt ein „Aufatmen“ für den Autor gebe, sagte er allerdings, er wisse es nicht.

Es gibt nichts Schlimmeres für Menschen, die über Erlittenes sprechen wollen (und hierfür sind Menschen in Psychotherapie nur ein Spezialfall), als wenn man ihnen nicht glaubt. Von einem bestimmten Punkt an hörte Freud auf, seinen Patientinnen zu glauben, sie seien als Kinder die Opfer dauernder Verführung durch Erwachsene gewesen. Er hatte anfangs zu intensiv auf diese These gebaut und also, zuviel Bestätigung auf manchmal drängende Weise gesucht. Als er dann merkte, daß die kruden Fakten nicht immer stimmten in ihren vom und für den Erwachsenen gefaßten Bildern, ließ er den Glauben an die Fakten überhaupt fallen und erklärte alles zu einem Problem der kindlichen Phantasie. Die Hypothese war fruchtbar, weil sie zum Kosmos der kindlichen Wünsche führte, aber sie vernachlässigte das Verhalten der Erwachsenen und stellte, wie Alice Miller und andere gezeigt haben, einen Verrat des Kindes an die Erwachsenen dar.

Der Begriff der Verführung muß unendlich weit differenziert werden, um wirklich zu greifen. Etwas von dieser Differenzierungsarbeit hat Bieler geleistet, genauso, wie er unser Wissen über die Vielfalt kindlicher Wut, über Formen der Demütigung und ihrer Verarbeitung bereichert, über die schwülen, überhitzten Vorgänge im mörderischen ödipalen Dreieck, wenn es so aus den Fugen gerät wie in dieser Kindheit, über das Viereck oder Vieleck, das entsteht, wenn eine weitere Person, oder weitere Personen, so hineinverstrickt sind wie in diesem Falle die Großmutter.

Es sei wiederholt, daß es sich bei den „Memoiren eines Kindes“ sowohl um ein literarisches Kunstwerk handelt, das allerdings nicht in einem Zuge zu verkraften ist, wie um die reiche Ernte einer Expedition unter Lebensgefahr in ein versunkenes Land. Da hat einer die Kindheitsgeschichte des vergrübelten und handlungsgelähmten Hamlet nachträglich aufgezeichnet, von der Shakespeare konkret noch nichts wußte, mit der er aber doch gerechnet hat. Es schadet nichts, daß der Ort des Geschehens kein Schloß ist, sondern eine Kleinbürgerwohnung.

Ein kleines Paradox noch zum Schluß: Daß sich diese Kindheit – von 1934 bis 1940 – unter dem Nationalsozialismus vollzogen hat, davon ist manifest kaum je die Rede, und man ist dankbar, daß Bieler da nichts hineinmontiert hat, was über die Wahrnehmungsfähigkeit des Kindes hinausgeht. Und doch ist das Buch getränkt von einer Atmosphäre unaufrichtiger, lüsterner Gewaltsamkeit, von der Selbstverständlichkeit der täglichen Lüge angesichts lautstark hochgehaltener Ideale, von der Unbekümmertheit der Demütigung des Schwächeren und des Fremden, daß die historische Zeit doch unverwechselbar anwesend und spürbar ist und den Leser immer wieder mit der Mischung von Ekel, Faszination und Schauder konfrontiert.

  • Manfred Bieler:

Still wie die Nacht

Memoiren eines Kindes; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1989;

382 S., 39,80 DM