Von Andreas Isenschmid

Wer sagt, die multikulturelle Gesellschaft liege noch vor uns? Drei Neuerscheinungen dieses Herbstes belegen, daß sie in der Literatur längst begonnen hat. In Salman Rushdies „Satanischen Versen“ erzählt uns ein gebürtiger Inder auf englisch die apokryphe Geschichte des Islam. In Anton Schammas’ „Arabesken“ erzählt ein Palästinenser auf hebräisch die Geschichte seiner christlichen Familie. Und mit Tahar Ben Jellouns „Der Gedächtnisbaum“ erscheint die vierte deutsche Übersetzung eines multikulturellen Autors par excellence.

Ben Jelloun hat bisher in zwei Romanen und einem Essay die tiefe Einsamkeit der kulturellen Grenzgänger beschworen. „Der Gedächtnisbaum“ kehrt die Blickrichtung nun um: Mit der Figur des verrückten Propheten Moha beschwört Ben Jelloun eine surreale Vision der Gemeinsamkeit. Bitter und fremd ist wie jedes Buch dieses Autors auch diese Gerichte. Aber während ihre Bitternis echt ist, ist ihre Fremdheit Schein. In Wahrheit sind Ben Jellouns Bücher Geschichten aus unserer Zukunft.

Die Zukunft, sagt Jean-Fran,cois Lyotard, der philosophische Guru der Postmoderne, lasse Heimat im nationalstaatlichen Sinn zum Anachronismus werden, sie werde die Kulturen so durcheinanderschütteln, daß Heimatlosigkeit zum Normalschicksal werde: „Jeder wird eines andern Fremder sein.“ Rushdie, Schammas und Ben Jelloun haben Bücher geschrieben, die diese Zukunft vorwegnehmen. Diese Autoren und ihre Werke sind multikulturell in einem sehr genauen Sinn: Sie spiegeln die explosive Erfahrung sprachlicher, religiöser, kultureller und nationaler Vielfalt und dies in einem genuin literarischen Sinn, denn sie drücken diese Erfahrung nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form ihrer Bücher aus. Für beides, die Erfahrung und ihren literarischen Ausdruck, sind Leben und Werk Tahar Ben Jellouns exemplarisch.

Das mehrfache Exil

Tahar Ben Jelloun lebt in Paris, er hat als Psychologe an einer französischen Universität doktoriert, er ist regelmäßiger Mitarbeiter von Le Monde, der renommiertesten französischen Zeitung, und Träger des angesehensten französischen Literaturpreises, des Prix Goncourt. Aber ein französischer Autor ist er nicht. Geboren wurde Ben Jelloun 1944 in Fes, sein erstes Studium, das der Philosophie, absolvierte er in Rabat, und seine Muttersprache ist das marokkanische Arabisch. Aber ein marokkanischer Autor ist er auch nicht. Im Unterschied etwa zu Mohamed Choukri, den Greno vor zwei Jahren vorstellte, schreibt Ben Jelloun (wie übrigens die meisten marokkanischen Intellektuellen) weder in seiner Muttersprache noch im Hocharabischen, sondern in der Sprache der ehemaligen Kolonialmacht – Französisch. Er ist ein Autor des mehrfachen Exils, er ist aus der Sprache, der Kultur und der Religion seines Heimatlandes emigriert, und er lebt und schreibt in einem Land, das ihn sein Fremdsein spüren läßt. Denn anders als Julien Green, Milan Kundera oder Ben Jellouns Freund Cioran – alles ursprünglich keine Franzosen, die doch alle französisch schreiben – schlägt dem nordafrikanischen Araber Ben Jelloun im Pariser Alltag der französische Rassismus entgegen.

Mit dem feinen Gefühl für diese Fremdheit, das vielen kulturellen Grenzgängern eigen ist, hat Ben Jelloun das multikulturelle Leid in Zahra, seiner beeindruckendsten Romanfigur, verkörpert. Er hat Zahra ein Schicksal des radikalen Selbstverlustes buchstäblich auf den Leib geschrieben: Sie kommt als achte Tochter eines despotischen islamischen Vaters zur Welt, eines Patriarchen, der seit der ersten Tochter auf nichts anderes wartet als auf einen Sohn und darum über Zahra das Urteil gefällt hat, bevor sie noch auf der Welt ist: „Die achte Geburt wird ein Freudentag“, erklärt er seiner Frau, „das größte aller Feste, ein sieben Tage und Nächte währender Jubel, Du wirst Mutter sein, wirkliche Mutter, du wirst eine Prinzessin sein, denn dir wird ein Sohn geboren werden. Das Kind, das du zur Welt bringst, wird männlichen Geschlechts, wird ein Mann sein. Es wird Ahmed heißen, auch wenn es ein Mädchen ist.“