Der deutsche Leser kennt bis jetzt nur einen Teil des Romanwerks von Patrick Modiano: "Eine Jugend", erschienen 1985 in der Übersetzung von Peter Handke, "Die Gasse der dunklen Läden", ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt 1978 und "Villa triste". Nun kann diese Liste mit der Neuübersetzung eines Romans dieses geheimnisvollen französischen Schriftstellers vervollständigt werden: "Sonntage im August", herausgegeben vom Suhrkamp Verlag in einer hervorragenden Übersetzung von Andrea Spingier. Es wäre vergeblich, die Erzählung von "Sonntage im August" nacherzählen zu wollen — eine Kriminalgeschichte, bei der es um die Suche nach einem Diamanten geht. Die Reise führt ein Paar, den Erzähler und Sylvia, eine geheimnisvolle Schöne, von den Ufern der Marne über La Baule nach Nizza im Winter. Modiano ist weder Alfred Hitchcock noch Agatha Christie: Seine Kunst besteht nicht darin, ein Intrigennetz zu knüpfen, um schließlich den Leser mit der verblüffenden Wahrheit zu konfrontieren. Im Gegenteil: Die Helden Modianos bewegen sich ständig in einer nebulösen, konturlosen Welt, sie beziehen ihre Identität ausschließlich aus der geheimnisvollen Kraft ihres Gedächtnisses. Jeder Roman von Modiano führt in die verdrängte Zeit der colhtboration während der Besetzung Frankreichs, als ob Patrick Modiano, der 1945 geborene Jude, im Mutterleib die Erschütterung einer Epoche erlebt hätte, in der die eine Hälfte der Franzosen auf Kosten der anderen gelebt hat.

Patrick Modiano wirkt schüchtern und schwermütig, er spricht mit Händen und Blicken, weniger mit Worten. Das erleichtert nicht die Verständigung mit ihm. Obwohl er die Vierzig schon überschritten hat, bewahrt er sich die Attitüde des erstaunten jungen Mannes, der nicht so recht versteht, wie er, ohne es eigentlich zu wollen, literarische Berühmtheit erlangen konnte. Seit seinem ersten Roman "Place de lEtoile", den er mit 23 Jahren geschrieben hat, wurde er ohne Aufsehen und Skandal mit den größten literarischen Lorbeeren von Paris überhäuft: 1972 bekam er den Preis der Academie fran?aise für "Les boulevards de Ceinture", 1975 den Preis des Buchhandels für "Villa Triste" und schließlich 1978 den Prix Goncourt für "Rue des boutiques obscures". Dies alles ohne die berühmten Pauken und Trompeten, die in Paris jeden mittelmäßig begabten Schriftsteller in den großen Zampano verwandeln, der die Menge in seine literarische Höhle lockt.

Es ist nicht Modianos Art, sich für den begabtesten Schriftsteller seiner Generation zu halten oder sich mit Hilfe literarischer oder journalistischer Kumpanei von anderen dazu ausrufen zu lassen. Wenn Modiano von sich selbst spricht, dann versucht er, wie in seinen Romanen, die Konturen des allzu festgesteckten Rahmens zu verwischen, in den man die Romanfiguren oder die wirklich existierenden Wesen stecken möchte. Wenn er erzählt, versucht er, Erklärungen zu finden — er wird fast unverständlich —, es entsteht allmählich ein Dialog, halblaut gesprochen, der Gesprächspartner beendet einen Satz, Modiano hält sich an einem Wort fest, gibt auf — "es ist schwierig", sagt er unaufhörlich.

Etwas von dem erklären zu wollen, was er sagt, bedeutet, das Vergnügen an seinen seltsamen Texten zu schmälern. Aber wie soll man ihn verstehen, ist er "eine Person, die aus Versehen in die verwirrende Zeit der Besetzung geraten ist in dieses graue Universum, wo sich Menschen treffen, die sich niemals hätten begegnen dürfen?" "Ich bin durch Zufall Schriftsteller geworden", sagt er, "ich konnte nichts anderes. Meine Zeit auf der Oberschule war chaotisch, ich konnte mich an der Universität nicht einfügen und ich hatte auch keine familiäre Unterstützung. Es war so eine Art Notfall, man schreibt ein Buch, dann eii zweites, ein drittes Ich weiß, daß es in Frankreich immer sehr merkwürdig klingt, wenn man sagt, daß man nicht Schriftsteller werden wollte, denn die literarische Karriere ist etwa so angesehen wie die diplomatische Karriere.

Modiano träumt davon, sich in seinen Büchern verstecken zu können, er möchte den Leser zwingen, ihn, den Autor des Buches zu vergessen, denn: "Wenn man schreibt, dann möchte man ein Geheimnis haben. Schreiben ist nichts Eindeutiges Die Texte von Modiano erzeugen eine "kleine Musik", die überall herauszuhören ist. Es ist der Charme "kleiner Sätze", die nicht bedeutungsvoll klingen. Mit einem verschwörerischen Augenzwinkern fordert er den Leser auf, seine Erinnerung zu erforschen, um so die Wirkung seiner Bilder zu verdoppeln. Die Schlüsselwörter, die die Türen zu Modianos Universum öffnen, sind oft Eigennamen, Namen von Orten wie La Baule, La Baie des Anges, Chennevieres sur Marne oder das "Negresco": ein kluger Kunstgriff dieses Schriftstellers, um allzu schwerfällige Beschreibungen, die sich in Einzelheiten verlieren, zu umgehen und statt dessen assoziative Anspielungen wirksam werden zu lassen.

Georges Perec, ein anderer jüdisch französischer Schriftsteller, der leider viel zu früh gestorben ist, arbeitete ebenfalls mit der Erinnerung. Die Erinnerung an Dinge die vergehen, und die nur durch das Niederschreiben festgehalten werden können. Aber im Gegensatz zu Modiano, dem Illusionisten und Gaukler, dm Luftmenschen, der drei kleine Schritte macht und dann davongeht, bemüht sich Perec wie ein ägyptischer Schriftgelehrter oder wie ein Provinznotar die Wesensmerkmale dieser Zeit akribisch genau festzuhalten. Aus der langen Litanei der Erinnerungen hat er ein Buch gemacht, in dem er trocken und kommentarlos das Wesentliche der Dinge und Personen festhielt, die sich in sein Gehirn im Lauf der Jahre eingebrannt haben.

Perec lesen ist ein wenig wie eine Gebrauchsanweisung für das Werk von Modiano. Und beide zu lesen, bedeutet französisch im besten Sinne des Wortes zu lesen: Es ist die Begegnung mit Geschichten ganz eigenen, individuellen, unverwechselbaren Charakters und doch von universeller Einfachheit.

Roman, aus dem Französischen von Andrea Spingier; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1989; 164 S , 28 - DM