Pseudonym: „Al Capone vom Donaumoos“Nur ein Ziel: Raus

Ein Ausbrecherkönig erzählt aus seinem Leben von Peter Köhler

Augsburg

Wilderer und Räuber haben es leicht in Bayern, wenn sie gut sind und die Gendarmen gründlich narren. Der Wildschütz Georg Jehnerwein, den die Kugel eines „feigen Jägers“ auf dem Peißenberg aus dem Hinterhalt niederstreckte, ist ein illustres Beispiel dafür. Und auch der Räuber Kneißl Hias, der in der Gegend von Augsburg jahrelang sein Unwesen trieb, ehe er von Gendarmen erschossen wurde, war einer von denen, die in Volksstücken und Bierzeltliedern noch heute gefeiert werden. Und dann gibt es noch die Rebellen, die unter Beifall die Feder als Waffe gegen die Obrigkeit richten.

In diesem Sinn steht Theo Berger in einer bayerischen Tradition. Der heute 48jährige stammt aus dem Donaumoos, einer kargen, kalten Landschaft, die erst im letzten Jahrhundert von Sträflingen urbar gemacht und besiedelt wurde. Theo Berger war einer der meistgesuchten Kriminellen. Jetzt hat der „Al Capone vom Donaumoos“ im Straubinger Zuchthaus seine Lebensgeschichte aufgeschrieben (Theo Berger: Ausbruch. Die Erinnerungen des Al Capone vom Donaumoos, AV Verlag Franz Fischer, Augsburg 1989, 29,80 DM).

Anzeige

Daß aus ihm einmal ein Verbrecher werden würde, das haben die Leute in seinem Dorf schon immer gewußt, sagen sie heute. Wo sollte einer schon enden, der als Halbwüchsiger den hochwürdigen Herrn Pfarrer geohrfeigt und den Herrn Schullehrer verprügelt hat, nur weil er sich ungerecht behandelt fühlte? Oder der sich beim Schwarzfahren und beim Steinewerfen erwischen ließ? Ein Krimineller also ist er geworden, aber – und das halten ihm die Leute im Moos zugute – umgebracht hat der Theo noch niemanden und genommen hat er es immer von den (vermeintlich) Reichen. Er ist halt ein Hund, ein wilder. Neben ein wenig Furcht steckt auch Ehrfurcht dahinter.

Denn der Berger ist einer, der den Kampf gegen die Obrigkeit aufnimmt und sie zum Narren hält. Er schaffte es einmal, sich quasi unter den Augen seiner Verfolger fast drei Monate im heimischen Ludwigsmoos wie ein freier Mann zu bewegen, obwohl ihn die Polizei auch mit Unterstützung von Fernsehfahnder Eduard Zimmermann suchte. Er lieferte sich Verfolgungsjagden mit Streifenwagen, teilte der Polizei mit, daß er gerade beim Autohändler (eine besondere Vorliebe hegte er für die Zuverlässigen aus Rüsselsheim) in Schrobenhausen einen Sportwagen geklaut habe, ihn noch auftanken wolle und dann möge man ihn suchen. Und er entkam ihnen natürlich wieder – wie schon so oft.

Übergeschnappt und überheblich sei er oft gewesen, gesteht Theo Berger. Er lebte „in dem Wahn, unschlagbar zu sein“. Deswegen wurde er immer dreister, wagte sich als steckbrieflich gesuchter Ausbrecher auf Faschingsbälle, spazierte an Schutzleuten vorbei durch Augsburgs Straßen und nahm interessiert den wuchtigen Justizpalast der Fuggerstadt in Augenschein.

Dort kassierte er am 5. April von einem Jugendschöffengericht seine erste Strafe: Drei Jahre Gefängnis sollten seine „schädlichen Neigungen erzieherisch beeinflussen“. Damit war die weitere kriminelle Karriere vorgezeichnet, in der Theo Berger vom Einbrecher- zum Ausbrecherkönig avancierte. Gerade vier Monate blieb er „draußen“, bis er wieder geschnappt wurde – Autodiebstahl. Spätere Versuche, eine bürgerliche Karriere zu starten, schlugen fehl: Einmal wird er zu Unrecht als Dieb verdächtigt, ein andermal muß der Führerscheinlose eine Stelle aufgeben, weil ein Kollege ihn nicht mehr mitnehmen kann. Und dann kam noch jeden Monat der Gerichtsvollzieher und kassierte fast den gesamten Lohn für Unterhaltszahlungen für seine unehelichen Kinder, die Gerichtskosten und den angerichteten Schaden.

Service