Eine bewegte Szene aus der politischen Illusionsgeschichte ist zu besichtigen. Als Statisten sind prominente Schriftsteller Westeuropas in einem Moskauer Saal versammelt – vom Spanier Rafael Alberti bis zum Franzosen André Malraux. Die international beachteten linksbürgerlichen Namen werden gezählt; sie geben unfreiwillig eine Art Intellektuellenflor für den ersten Allunionskongreß der sowjetischen Schriftsteller ab.

Man schreibt den August 1934. Die Hauptstadt der Revolution ist von der Bauwut des zweiten Fünfjahresplans bestimmt, das Geräusch des sozialistischen Aufbaus übertönt für die Besucher jedes andere, die Kongreß-Szene erscheint ihnen als Getümmel, doch ist sie wohlgeordnet. Die Komintern verfolgt mehrere Ziele auf einmal. Es geht um die Epiphanie des „neuen Menschen“ in einem imposanten rhetorischen Akt. Unter den Riesenportraits von Gorki und Stalin wird eine literarische Internationale kreiert – und in propagandistischen Dienst genommen. Zu einem Probelauf wird die neue Parole der Volksfront gestartet. Die Sowjetunion empfiehlt sich als Zentrale des Futurs, als einzig konsequente antifaschistische Macht, ein Slogan, der seine Wirkung auf die meisten westlichen Intellektuellen bis zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 ausübt. Nicht gerade wenige deutsche Emigranten und Vertriebene haben sich gefunden: Ernst Toller, von den Kommunisten in den zwanziger Jahren mit Hohn überschüttet, Albert Ehrenstein und Gustav Regler, Balder Olden, Plievier und Piscator, Egon Erwin Kisch und Wieland Herzfelde zählen dazu.

Der Kongreß schien gerade das Gegenteil zu dem zu versprechen, was dann eintrat. Man erhoffte sich eine neue kulturpolitische Offenheit. Die RAPP, eine Art Kampforganisation proletarischer Schriftsteller, wurde durch einen allgemeinen sowjetischen Schriftstellerverband ersetzt, so daß an ein pluralistisches Nebeneinander verschiedener Literaturauffassungen gedacht werden konnte.

Aber weit gefehlt: Bucharin, in den zwanziger Jahren der Gegenspieler Trotzkis auch als Literaturideologe, zementierte den Satz von der Parteilichkeit und ideologischen Richtigkeit der Literatur als Maßstab ihrer Beurteilung. Es war sein letzter großer Auftritt, und den gerade erscheinenden Erinnerungen der Bucharina ist zu entnehmen, daß ihn Stalin zu seiner Rede telephonisch beglückwünschte, bevor er ihn abservierte. Gänzlich unbemerkt von allen deutschen Schriftstellern hielt Stalins kulturpolitischer Großwesir, Andrej A. Schdanow, der Totengräber der russischen Moderne, eine Eloge auf die Sowjetliteratur, „die ideenreichste und fortschrittlichste Literatur der Welt“, was schon den Kampf gegen alles Westliche, „Bürgerliche“, „Dekadente“ einschloß. Nur ein Dutzend Jahre liegen zwischen dieser Rede und dem Verdikt gegen die Lyrikerin Anna Achmatowa und gegen die Musik von Schostakowitsch als „vaterlandsloses Kosmopolitentum“.

Was haben die deutschen Schriftsteller-Gäste von all dem bemerkt? Da saßen sie im Hotel Metropol: Mit der unverblüffbaren Ironie Oskar Maria Grafs wurden sie tituliert als „wir ehemaligen Bohemiens, wir intellektuellen Revolutionäre aller Schattierungen, wir verschwiegenen Romantiker, wir Abenteurer im Geist und heimlichen Spießbürger im Leben“ – und nur die späteren, aus dem nacharbeitenden Wissen klugen Zeugnisse eines Gustav Regler (in dem Roman „Das Ohr des Malchus“) verraten etwas von der Ahnung, daß mit diesem Allunionskongreß das Dogma des Sozialistischen Realismus ausgerufen und der Beginn der „Säuberungen“ und des kulturpolitischen Terrors eingeläutet wurden.

Man wird sich daran gewöhnen müssen, daß ausgerechnet der jüngste der deutschen Autoren, der 28jährige Klaus Mann, der klügste von ihnen war. Hinter dem Paravent der linken Gesinnung, die in vielen Artikeln die Zweifel an der Entwicklung in der Sowjetunion verdeckt, ist viel von Klaus Manns Skepsis aus seinen Tagebüchern zu entnehmen. Die Reise über Wien und Warschau, vor allem die Erlebnisse in Moskau, belegen die Wahrheit des Zeitgenossen, die Unvoreingenommenheit und Unverfügbarkeit des Beobachters. Michail Kolzow, der in der Prawda aus dem Spanischen Bürgerkrieg berichtet, der Regler und Hemingway als Romanfigur dient, der Ende 1938 umgebracht werden wird, empfängt den Besucher. (Maria Osten, seine Freundin, eilte nach der Nachricht von seiner Verhaftung aus Paris herbei, um Zeugnis für ihn abzulegen, und ist 1941 auf Nimmerwiedersehen in einem Lager verschwunden.) Gorki, der 1934 dem Kongreß präsidiert und in seinem Haus wie ein Monarch empfängt, ist auf dem Höhepunkt einer geradezu mythischen Verehrung, was Klaus Mann eine kühl-ironische Sottise entlockt.

Kaum genauer als aus den knappen Notaten dieses Tagebuchs kann man die Eindringlichkeit des revolutionären Moskau und die Restriktionen des Stalinismus kennenlernen. Die Debatten des Kongresses sind exakt umrissen: Betonung des Erbes, Klassizismus, Wendung gegen Joyce. Der wendige Ilja Ehrenburg und André Malraux tauchen aus dem Trubel auf, der Maler Heinrich Vogeler, der später in einer Kleinstadt verhungern wird, ist bemerkt, die martialische Erscheinung paradierender Soldaten verleitet den Pazifisten zu Kritik. Karl Radeks Referat wird scharf verworfen.

Einige Monate später bemerkt er „den Terror in der Sowjet-Union nach dem Kirow-Mord“, als sich Schdanow zum Leningrader Parteiherrscher aufschwingt. Zuvor hat er scharf auf Walter Benjamin reagiert: „Der verbissenste Materialismus auf die Literatur angewandt, immer peinlich.“ Die Geschichte dieser zwei Wochen in Moskau, als hinter der Fanfare des Antifaschismus der mörderische Stalinismus auf den Plan trat, ist noch nicht geschrieben. Klaus Manns Notate fügen den Einsichten in diesen historischen Moment einiges hinzu. Wilfried F. Schoeller