Von Fritz Pleitgen

KÖLN. – Uns droht Enteignung: Sie wollen uns das Informationsmonopol für die DDR nehmen. In einem Leserbrief an das Neue Deutschland stand zu lesen: „Einschaltquoten für ARD und ZDF senken!“

Nun macht der jähe Aufruf nach kritischer Presse erst richtig Sinn. Der Klassenfeind soll aus den Wohnzimmern vertrieben werden. Für dieses große Ziel soll selbst das Risiko in Kauf genommen werden, den eigenen Bürgern mitzuteilen, was wirklich Sache ist.

Hermann Kant, der Mann mit der feinen Witterung, hat das Signal gegeben. Der Flankenschutz durch Stefan Hermlin mußte noch aus Gründen, die jetzt Vergangenheit sein sollen, über das Westfernsehen laufen. Jedenfalls hat die Führung prompt nachgezogen. Der Aufbruch der DDR-Presse ist Parteisache geworden.

Der Wandel sei grundlegend, bekam der Besucher aus dem Westen hinter verschlossenen Türen zu hören. Aber wenn da Hoffnung auf mehr Bewegungsfreiheit für Korrespondenten aus anderen Staaten aufflackerte, sie wurde sofort gedämpft. Der Dialog werde strikt nach innen geführt, ohne Umweg über die Westpresse.

Das Dialektische am neuen Kurs ist seine Unberechenbarkeit. Als Wolfgang Vogel vor kurzem die rechtliche Gleichbehandlung für alle DDR-Bürger forderte, konnte er damit bei der Jungen Welt nicht landen. So blieb ihm nur der vertraute Weg zur westdeutschen dpa. Als der Besucher daran herummäkelte, wurde er von Künstlern, die sich mit dem Neuen Forum solidarisiert hatten, zurechtgewiesen: „Wir stehen erst am Anfang.“

An und in der Gethsemane-Kirche wurde schon mehr gefordert: Die Übergriffe der Polizei sollten öffentlich behandelt werden, und zwar schonungslos. Aber auch der Fernsehmann aus dem Westen entging nicht der Kritik der jungen Leute. So hilfreich die Informationen von außen seien, zuweilen seien sie schwer zu ertragen. Das penetrante Pathos bei der Begrüßung der Flüchtlinge („Die ersten Schritte in der Freiheit“) nerve genauso wie das ständige Wiederholen bestimmter Bilder. „Wenn immer wieder gezeigt wird, wie unsere Leute den Zaun der Prager Botschaft überklettern, dann mag euch das spannend vorkommen und auch gefallen; uns geht es an die Würde!“