Schulmediziner wehren sich gegen Lehrstühle für Naturheilkunde

Von Wolfgang Hoffmann

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Dieter Thomae versteht die Welt nicht mehr. Da präsentiert er dem rheinland-pfälzischen Kultusminister Georg Gölter und der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz einen Medizinlehrstuhl zum Nulltarif. Doch statt großer Dankbarkeit zeigt man ihm erst einmal die kalte Schulter.

Der Widerstand gegen das Thomae-Geschenk kommt vor allem aus den Reihen der Medizinprofessoren dieser Universität. Vom neuen Katheder aus soll nämlich verkündet werden, was sie selbst nicht können und auch gar nicht wollen: die Lehre von den heilenden Kräften der Natur. Die Ordinarien der medizinischen Fakultät fühlen sich ausschließlich der Schulmedizin verpflichtet. Thomaes bittere Erkenntnis: „Gegen die etablierten Professoren ist nicht anzukommen. Für die sind Naturheilverfahren Hokuspokus.“

Der Abgeordnete, der an die Berechtigung der Naturheilkunde fest glaubt, hatte daher die Idee, diesem Part der Medizin über einen eigenen Lehrstuhl in seiner rheinland-pfälzischen Heimat zu dem Ansehen zu verhelfen, das ihm seiner Meinung nach gebührt. Einen seriösen Sponsor für die Lehrstuhlstiftung fand Thomae im Bundesfachverband der Arzneimittelhersteller (BAH), dem zweitgrößten Branchenverband, in dem vor allem die kleinen und mittleren Pharmafirmen organisiert sind und der sich seit Jahren besonders um die Erhaltung der Pflanzenheilkunde bemüht. BAH-Hauptgeschäftsführer Mark Seidscheck: „Wir sind bereit, für die Dauer von zunächst drei bis vier Jahren einen Lehrstuhl für Naturheilverfahren zu finanzieren.“

Als Thomae dem Land Rheinland-Pfalz die Stiftungsabsicht vorstellte, zögerte nicht nur Kultusminister Gölter, sondern auch die Universitätsspitze. Die Stiftung – so ihre Furcht – könne sich als Danaergeschenk erweisen. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Da der Sponsor BAH den geplanten Lehrstuhl nur beschränkte Zeit finanzieren will, ist offen, wer die Folgekosten trägt. Weil die Hochschule im allgemeinen aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, befürchten die Schulmediziner, daß der Staat bei knappen Kassen an ihrem Etat zugunsten der Naturheilverfahren Abstriche machen könnte.

Das Kostenproblem ist allerdings nur eine Ursache für das Zögern, die Stiftung anzunehmen. Die andere ist sehr viel gravierender. Sie besteht in der tiefen Skepsis gegenüber allen Heilverfahren abseits der etablierten Schulmedizin. Und ohne den Segen der Universitätsmediziner geht nichts. Der Klinikreferent des Kultusministers, Günter Müller, meint denn auch: „Es ist sehr schwer vorstellbar, daß der Minister der Universität eine Professur für Naturheilverfahren aufzwingt. Er wird versuchen> mit Engelszungen- oder mit Zornesstimme zu überzeugen.“