Von Klaus Modick

Mit seinem „Mann aus Apulien“, einer fiktiven Autobiographie Friedrichs II., war dem bis dahin vor allem als Verhaltensforscher und Journalist bekannten Horst Stern 1986 ein literarischer Einstand geglückt, der ihn gewissermaßen „aus dem Stand“ als Autor von Rang auswies: Der Roman gehört zum Besten, was unsere Literatur in den achtziger Jahren hervorgebracht hat. Man durfte und mußte also gespannt sein, was der reife „Debütant“ (geboren 1922) seinem fulminanten Erstling folgen lassen würde. Mit „Jagdnovelle“ legt Stern jetzt sein zweites poetisches Werk vor: Das Ergebnis – das sei sogleich gesagt – ist zutiefst zwiespältig.

Erzählt wird die Geschichte eines gewissen Joop: Direktor einer bundesdeutschen Großbank mit weltweiten Beziehungen und Verflechtungen, ein vielseitig interessierter, kultivierter, nachdenklicher Mann und alles andere als eine klotzköpfige Kapitalistenkarikatur. Joop ist passionierter Jäger, doch auch diese Leidenschaft, die Stern zum Dreh- und Angelpunkt der Psychologie Joops macht, ist gebrochen durch Joops Einsicht, „daß der neue ökologische Mantel, in dessen Schutz vor öffentlicher Unbill die Jagd sich in die Zukunft zu schleichen sucht, nur mühsam die alten Zeichen der Lust an ihrem Leib verdeckt“.

Joops Gegenspieler ist – ein Bär, ein alter, hungriger Bär, der heimatlos die Wälder eines osteuropäischen Lands (vermutlich Rumänien) durchstreift. Erzählt wird also die Geschichte einer Bärenjagd, genauer: die beiden Geschichten, denn da es Stern um Gerechtigkeit für Mensch und Natur, für Jäger und Gejagten, für Henker und Hingerichteten, für Bankier und Bär geht, erzählt er beide Geschichten in zwei genau kalkulierten Spannungsbögen, die sich aufeinander zu bewegen, bis sie schließlich im Todesschuß zusammenfallen. Dramaturgisch ist das geschickt arrangiert, konventionell zwar erzählt, aber, besonders in den Schlußsequenzen, außerordentlich spannend.

Nun will der Autor freilich alles andere als vordergründige Spannung erzeugen, weshalb er die Spannung „episch“ macht, indem er den Leser über den unvermeidbaren Ausgang der Jagd gleich zu Anfang informiert. Wenn, ebenfalls zu Anfang, über die folgende Geschichte gesagt wird: „Hinter ihren Wörtern ist sie wahr“, dann heißt das nicht nur, daß die Novelle auf einem „authentischen Fall“ beruht. „Wahr“ heißt vielmehr, daß Horst Stern mit einer geballten Ladung Wissen auf den Leser anlegt: Die Geschichte will etwas zeigen, ans Licht bringen, entlarven.

Was der Autor hier an Aufklärung über die komplexen Zusammenhänge von Ökologie und Ökonomie, Schuldenkrise der Dritten Welt, Ursachen, Symptomen und Auswirkungen der globalen Umweltkatastrophe, über Jagd, Jagdwaffen und Jägersprache, über die mythologischen, historischen, politischen und soziologischen Dimensionen der Jagd zu Papier bringt, ist in seiner sympathischen Tendenz so absichtsvoll gut gemeint, daß es nur noch verstimmt, bestenfalls verblüfft. Der durch und durch didaktische Gestus des Erzählens drückt das Buch in seinen schwächsten Passagen aufs Niveau einer Schulfunksendung: Erwachsenenbildung in Erzählform.

Stern sagt grundsätzlich alles, was er weiß – und er weiß viel; und er sagt es in dieser Steigerung: klar, ganz klar, kursiv, werden doch die Merk- und Kernsätze entsprechend hervorgehoben: „Du hast diesen Bären schon umgebracht, noch bevor du ihn töten wirst.“