Mit dem Auto legte Libyens Revolutionsführer Muammar al-Ghaddafi 200 Kilometer durch die Wüste zurück, um im ägyptischen Seebad Mersa Metruh Staatspräsident Hosni Mubarak zu treffen. Seit 1973 hatte der Oberst nicht, mehr ägyptischen Boden betreten. Doch als Fremder fühlte sich Ghaddafi nach dem fast dreistündigen Gespräch mit Mubarak nicht mehr, sondern „in meiner Familie, inmitten meiner Brüder“. Und im Überschwang erklärte er auch gleich jenen ägyptischen Wüstenboden, den er vor wenigen Monaten noch erobern wollte, zum „arabischen Boden“.

Seit sich die beiden Staatschefs im Mai beim Gipfel der Arabischen Liga sprachen, entkrampfen sich die ägyptisch-libyschen Beziehungen. Auch Ghaddafi hat begriffen, wie wenig Gewicht die arabischen Staaten ohne Ägypten auf der Weltbühne besitzen. Die Isolation Ägyptens nach dem Friedensschluß von Camp David hat ihnen mehr geschadet als dem Land am Nildelta. Sollte nun die Wiederaufnahme voller diplomatischer Beziehungen folgen, bliebe Assads Syrien das einzige arabische Land, das in Kairo nicht vertreten ist.

Überhaupt hat Hosni Mubarak gegenwärtig außenpolitisch Oberwasser: Eben wurde er zum Präsidenten der Organisation für Afrikanische Einheit gewählt. Seine Initiative für einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern wird eifrig diskutiert. Und er darf hoffen, daß die arabische Welt wieder häufiger mit einer, nämlich mit seiner Stimme sprechen kann.

Mit allzu großem Zeremoniell mochte der ägyptische Präsident das „Familienmitglied“ aus Tripolis indes nicht empfangen. Es fehlten die üblichen jubelnden und fähnchenschwenkenden Massen. Aber Mubarak weiß, daß Ägyptens wichtigster Geldgeber, die Vereinigten Staaten, wenig Gefallen an dem „Familientreffen“ findet. F. G.