Von Margrit Sprecher

Seit seine Mutter den pensionierten SBB-Zugführer kennengelernt hat, ist es – schätzt der Sohn – noch schlimmer geworden. Denn dank den raffinierten Fahrplankenntnissen des Profis schafft das Paar jetzt spielend nicht nur Genfersee und Glacierexpress am gleichen Tag. Sondern abends, nach 600 Kilometern wieder im heimischen Winterthur zurück, düsen die beiden noch rasch an den Bodensee, „um einen Kaffee zu trinken“.

Eine Art Massenflucht hat auch die übrigen Schweizer Senioren ergriffen. 450 000 der insgesamt 1,8 Millionen SBB-Halbtaxabonnemente gehören über 62jährigen. Und 10 000 bis 20 000 weitere Betagte quetschen sich täglich in Reisebusse und hebeln dort geübt an der Sitz- und Belüftungsmechanik.

Viele reisen nicht nur täglich – sie reisen auch täglich immer weiter. Die SBB-Personenkilometer der AHV-Bezüger stiegen in den letzten fünf Jahren um vierzehn Prozent auf durchschnittlich neunzig Kilometer pro Fahrt. Und gerät eine Senioren-Nachmittagsfahrt von „Knecht“-Busreisen kürzer als 200 Kilometer, reklamieren die Senioren. Kurz, Großmütter, die früher mit der Anzahl Enkel prunkten, tun dies heute mit der Anzahl abgefahrener Kilometer. Großväter, die früher aus dem Schatz ihrer Erlebnisse erzählten, sind heute up to date über die Bratwurstlänge in den Bahnhofsbuffets von Montreux, Basel und St. Gallen.

Viele alte Menschen reisen, damit wenigstens etwas läuft, wenn sonst nichts mehr läuft. „Besonders nach ein paar Schlechtwettertagen staut sich das richtig“, sagt SBB-Kondukteur René Huggler. Dann sind auch die Senioren-Jassgruppen mit Tageskarten wieder unterwegs. Sie bevorzugen die Paradestrecken Genf–Rorschach oder Basel-Chiasso, wo der Biernachschub dank Minibar gesichert ist. Kurz vor Zürich lupft einer den heruntergerollten Fenstervorhang, damit die Landschaft nicht von Trumpf und Stich ablenkt, ortet die Umgebung und fragt seine Schiebergenossen: „Sollen wir noch in Basel kehren?“

Die vom neuen Bewegungstrieb befallenen alten Schweizer können aber auch so aufsässig werden wie englische Hooligans nach einem Fußballmatch. Bereits kursiert in Kondukteurkreisen das Wort vom „Geronto-Rocker“. Besonders gefürchtet ist die Strecke durch den Gotthard, wo Seniorengruppen den Speisewagen überfallartig kapern und sich nach dem dritten Bier weigern, die Fahrkarte zu zeigen. Andere beginnen um den Preis zu feilschen oder zeigen im Wallis ein Billet Zürich-Enge-Wiedikon für fünfzig Rappen und bestehen darauf, daß dies ein gültiger Fahrausweis sei. Oder boxen den Kondukteur kumpelhaft in die Rippen: „Komm, mach mir eine Rechnung.“

Auch Rechnungen anderer Art muß SBB-Kondukteur Willi Uhlmann oft machen: seinen betagten Fahrgästen ausrechnen, wieviel sie jetzt dank Tageskarte auf der Strecke Lausanne-Brig-Centovalli eingespart haben. Erst danach, so scheint ihm manchmal, freuen sie sich richtig am vergangenen Tag.