Wer in diesen Tagen herumfahrt in der DDR, sieht noch immer viel „DDR 40“ auf den Straßen, dahinter die jubelnden Parolen zum runden Geburtstag am vorletzten Wochenende. Auch die Menschen sehen zuruck, doch manches in ihrer Erinnerung sieht anders aus, als die offiziellen Losungen es weismachen wollen. Dem Polsterer Herbert L. fällt als erstes die Zeit vor dem Mauerbau ein: „Das war damals ein bißchen wie jetzt: Viele gingen, wir wollten auch gehen, hatten schon zwei Koffer in West-Berlin.“ Den Zug nach Westen, der im Augenblick so übermächtig ist, hat es zu jeder Zeit in den viezig Jahren gegeben, jeder hat mal mit dem Gedanken gespielt. Er kommt auch bei den hier wiedergegebenen Gesprächspartnern vor, wenn sie auch alle geblieben sind. So wie Herbert L. und seine Frau: „Schließlich ging es uns nicht schlecht.“

Die beiden stammen aus Pommern. Nach dem Krieg waren sie zunächst in Bayern: „Mit sechs Dauerwursten und drei Hühnern kamen wir nach Berlin, kurz vor Gründung der DDR. Die Würste halfen, eine Gewerbegenehmigung zu bekommen, einen Laden, Zement, Glas und einen Maler, der uns für neunzig Mark den ganzen Laden mit Nebenraumen renovierte. Die drei Huhner legten auf dem Hängeboden Eier.“ Hopfensacke waren ihr erster Bezugstoff.

Im ersten Jahr fuhr Herbert L. die Ware noch mit Fahrrad und Anhänger aus. Aber zu Weihnachten schenkte er seiner Frau schon einen Pelzmantel und einen Hund. 1950 kauften sie das erste Auto, 1951 das Haus. Im selben Jahr machten sie ihre erste Urlaubsfahrt, nach Rügen.

Im Jahr darauf ging es schon nach Bulgarien. Ein Altgeselle fing an, ein junger kam dazu, sie brachten es auf zehn Angestellte. Ab Mitte der fünfziger Jahre brauchten Handwerker nur noch eine Pauschalsteuer zu bezahlen, egal wieviel sie verdienten: die sieben fetten Jahre. „Wer da nichts verdient hat, war dämlich“, sagt Herbert L Anfang der sechziger Jahre war es damit wieder vorbei. „Wir haben geschuftet, aber wir würden uns versündigen, wenn wir sagen wurden, es wäre uns nicht gut gegangen.“

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Grete M. ist Bauersfrau. Sie lebt wie ihre Vorfahren in einem kleinen Dorf bei Potsdam. Zum Hof gehörten früher 24 Hektar Acker und ein paar Morgen Wald. Nach dem Krieg und in der ersten Zeit der DDR mußten sie Kartoffeln, Getreide, Fleisch, Milch, Eier abliefern. Die geforderte Menge war oft kaum zu schaffen. Viele sind damals deshalb in den Westen gegangen. „Dann kam das mit den freien Spitzen: eine bestimmte Menge durften wir zu höheren Preisen verkaufen.“ 1958 wurde im Ort die erste LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) gegründet. 1960 wurde der Beitritt zur LPG Pflicht. Zuerst waren sie in der LPG „Typ 1“: „Da hatten wir unsere individuelle Viehhaltung weiter, reduziert allerdings, und das Land wurde gemeinschaftlich beackert. Wir mußten nur noch Milch, Eier und Fleisch abgeben. Wir Frauen hatten es damals schwer, waren den ganzen Tag in der LPG auf dem Feld, Rüben hacken und so. Und abends mußten wir noch das Vieh versorgen.“ 1968 wurden sie LPG „Typ 3“: Alles kam in die LPG.

Jetzt halten sie nur noch privat zwei Schweine, die sich gut an den Staat verkaufen lassen, zwei Schafe, ein Pferd, Huhner. Grete M. weint der Zeit als Einzelbauer nicht nach, als sie rund um die Uhr arbeiten mußte, nie Urlaub hatte, kein festes Einkommen. „Genossenschaft kann schon gut sein. Für mich war die schönste Zeit, als ich die dreißig Kälber von der Genossenschaft hier bei mir auf dem Hof hatte, dazu noch fünfzig Kälber auf dem Gut zu versorgen. Da war ich allein verantwortlich. Alle konnten sehen, daß meine Kalber gut gedeihen. Außerdem konnte ich mir meine Zeit einteilen. Das ist doch so auf dem Land: An manchen Tagen mußt du von morgens um fünf bis abends um zehn arbeiten, dafür kannst du an anderen Tagen auch mal nur auf dem Hof bleiben und dort nach dem Rechten sehen.“