Ein Profil der SED

Von Wolfgang Gehrmann, Thomas Kleine-Brockhoff und Kuno Kruse

Wenn der Genosse von seinem Schreibtisch im Ministerium aufsteht und aus dem Fenster sieht, erstrahlt auf dem Marx-Engels-Platz im goldenen Glanz der Palast der Republik. Auf dreitausend Quadratmeter bronzegetönter Scheiben spiegelt sich dort das Regierungszentrum, flattern über dem Staatsratsgebäude die Farben der DDR.

Selbst die bescheidenen Trabants auf dem Parkplatz erscheinen auf der Reflekxionsfläche vor dem Genossen in warmes Licht getaucht. Manchmal sind sie allerdings wie weggefegt. Dann ist der Platz reserviert für die schweren Limousinen des Staatsrats. Schwedenstahl, Marke Volvo. In bizarren Verzerrungen erkennt der Genosse auch sein eigenes Ministerium in dem goldenen Spiegel, und manchmal, abends, wenn die Sonne im Herbst sehr tief steht, wirft der Palast einen Lichtstrahl zurück auf den Eingang des grauen Bürogebäudes. Genießen aber mag der Genosse das schöne Bild nicht. Er weiß, er blickt nur auf eine Fassade.

Doch dahinter herrscht Aufruhr, der die DDR und zunehmend auch die Staatspartei erschüttert: „Die Ereignisse der letzten Tage haben den Puls der Partei beschleunigt.“ Tatsächlich erscheint die DDR Besuchern über Nacht wie ausgewechselt.

Die Depression, ausgelöst durch die Fluchtwelle junger DDR-Bürger über Ungarn und die Zeltlager vor den Botschaften von Warschau und Prag, schlägt plötzlich um in neue Zuversicht. Das „Neue Forum“, findet der Genosse, „war eine gute Gärhefe“. Von den Massendemonstrationen in Leipzig, Halle und Ost-Berlin sprang nun auch der Funke über auf die SED.

Während die einfachen Parteimitglieder unter den Beschimpfungen der Kollegen in den Betrieben die Köpfe einziehen, die Parteisekretäre die Werkskantinen meiden, gehen, spätestens seit sich das Politbüro in der vergangenen Woche eine orakelhafte Erklärung zu Dialog und Reformen abrang, die Genossen auf der mittleren Parteiebene in die Startlöcher. „Die Partei“, sagt hoffnungsfroh der Mann aus dem Ministerium, „ist im Kern gesund.“ Alle wollten jetzt anpacken, suchten nach Lösungen: „Es ist ja ihr halbes Leben, das viele in die SED investiert haben.“ Und sie wüßten: „Wenn die Führung so weitermacht, ist bald alles verspielt.“ Eine Meinung habe er unter den Genossen schon lange nicht mehr gehört: Die da oben werden es schon richten. Überall lägen neue Konzepte in den Schubladen: „Damit könnte man ein Feuerwerk entzünden, das nicht nur Blendwerk ist.“