Alles fing damit an, daß Freitag, der 13. Oktober, ein Tag der drei Hexen war. Triple witch day, so nennt man an Wall Street jene Tage, an denen erstens die Wahrnehmungsfrist für Optionsscheine zu Ende geht, an denen zweitens bestimmte Terminkontrakte auslaufen und an denen drittens die Banken das abgelaufene Quartal abrechnen. An solchen Tagen reagieren Spekulanten sehr nervös und schließen ihre Kontrakte so spät ab wie nur irgend möglich.

Und da platzte um 14.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Börsenschluß, die Nachricht herein, daß die Übernahme der Fluggesellschaft United Airlines durch Belegschaft und British Airways an der Finanzierung gescheitert war. Gleichzeitig wurde bekannt, daß die Großhandelspreise in Amerika im September um 0,9 Prozent gestiegen waren. Alles zusammen löste auf dem Börsenparkett eine Panik aus, in deren Ergebnis der Dow Jones Index für Industriewerte um 6,9 Prozent oder 190,58 Punkte sackte.

Würde sich der Börsencrash vom 19. Oktober 1987 fast auf den Tag genau zwei Jahre später wiederholen? Die Signale standen auf Sturm: Die Börse von Tel Aviv, als einzige sonntags geöffnet, schloß mit einem Minus von acht Prozent. Und am Montag waren dann die Spuren des Desasters rund um die Welt zu verfolgen: In Tokio sank der Nikkei Index um 1,8 Prozent, Sydney verlor acht Prozent, London 3,15 Prozent. Den Minusrekord aber schafften die Deutschen. In Frankfurt sank der Commerzbank-Index um 13,5 Prozent – der höchste Tagesverlust der Nachkriegsgeschichte.

Doch die Frankfurter hatten kaum Zeit, sich von dem Schock zu erholen, da kam das Signal zur Kehrtwende. Nach ersten Verlusten erholte sich Wall Street am späten Nachmittag (Mitteleuropäische Zeit) schnell und schloß mit einem Plus von 88 Punkten. Tags darauf, am Dienstag, der Commerzbank-Index war gerade dabei, sich dem US-Trend vom Vortag anzupassen und etwa die Hälfte seiner Vortagsverluste wieder wettzumachen, da kam von jenseits des Atlantiks wieder ein Baisse-Signal: Das Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten war mit 10,7 Milliarden Dollar deutlich höher ausgefallen als erwartet. Ergebnis: Der Dow Jones sank kurz nach Öffnung der Wall Street um 24 Punkte. Am Ende der Sitzung notierte er um 18,65 Punkte niedriger als am Tag zuvor.

Es war wie ein Spuk auf den Weltfinanzmärkten, und bis zur Wochenmitte konnte noch niemand sagen, ob er bald vorüber sein würde. „Die Märkte spielen Jo-Jo“, schrieb die französische Zeitung Libération. Und die Financial Times meinte: „Die Aktienmärkte der Welt warfen einen Blick in den Abgrund und zogen sich dann wieder zurück.“

Nach dem Kurssturz an der Wall Street war vielen klar gewesen, daß auch in Frankfurt ein heißer Montag bevorstand. Fieberhaft wurde deshalb übers Wochenende in Banken und anderen Finanzhäusern an Strategien gegen den Crash gebastelt. Beim Wertpapierhaus Merrill Lynch in Frankfurt bereitete sich ein Krisenstab auf die Fragen der Kunden vor, Bankiers warnten die Kleinanleger über Radio-Interviews vor übereilten Schritten, und einige besonders eifrige Bankangestellte telephonierten mit den Depotkunden. Als die Anlageberater der BfG-Bank zur Arbeit erschienen, fanden sie eine detaillierte Analyse der Situation auf ihrem Bildschirm und dazu die Empfehlung: „Nerven behalten – deutsche Qualitätsaktien nicht zu nachgebenden Kursen verkaufen – mit dem Kauf von DM-Renten nicht mehr zögern.“ Doch offenbar half das alles nicht. Waschkörbeweise sollen die Verkaufsaufträge der Kleinanleger hereingekommen sein. Vielen saß noch der Schock vom Oktober 1987 in den Knochen. Damals hatten gerade die privaten Anleger gleich am Anfang der Baisse gekauft und mußten dann erhebliche Verluste hinnehmen, bis sich die Kurse im November fingen. Ihre Lehre daraus: Zu Beginn eines Crashs die Papiere sofort verkaufen. Ein folgenschwerer Irrtum: Innerhalb von vier Stunden verloren vor allem Kleinanleger ein Buchvermögen von siebzig Milliarden Mark.

Die meisten Verkaufsaufträge waren unlimitiert. Das bedeutet, sie sollten auf jeden Fall – „bestens“ – ausgeführt werden. Wenn solchen Aufträgen keine Kauforders gegenüberstehen, ist der freie Fall der Kurse kaum zu vermeiden. Banken und institutionelle Anleger hätten den Kurssturz durch rechtzeitige Käufe durchaus aufhalten und damit die verängstigten Kleinanleger schützen können. Doch auch die Profis waren sich wohl nicht ganz sicher, wo das alles enden würde. Sie entschuldigen sich damit, daß sie erst einmal die Montagssitzung an Wall Street abwarten wollten und daß Eingriffe in den Markt prinzipiell schlecht sind.