Von Ulrich Horstmann

Ein Spezi, Chefdramaturg an der Bayerischen Staatsoper in München, formuliert es so: „Rosendorfer schreibt leidenschaftlich, in beachtlichen Quantitäten, manchmal mit fast fliegender Hast, den Gedankenflugen gerade, aber letztlich stets erfolgreich folgend.“ Andere halten es mehr mit der Selbstauskunft: „Moglicherweise bin ich Epigone/ Sie nehmen die Flut von Erzählungen, Romanen, Theaterstucken, Hörspielen und Fernsehfilmen – darunter auch Tatort und Der Alte – seit 1966 zum Anlaß, kritische Damme gegen den Vielschreiber aufzuschütten. Denn trotz seiner ausufernden Produktivität liegt für sie das Geheimnis des Dichters Rosendorfer eher im Homoopathischen, in der Virtuosität des Verdunnens nämlich.

Herbert Rosendorfer, im Brotberuf Richter, sehen sich herzlich wenig um die, die über ihn zu Gericht sitzen wollen, und mischt auch im Schließungsjahr der Buchmanufaktur Georges Simenon fleißig neue Elixiere. Nehmen wir also, auch nicht faul, seinen 89er Jahrgang zur Brust.

Drei Bücher: ein Roman, ein Band mit zwei Erzählungen sowie „Unterhaltungen über die richtige Musik“. Schon die Erzählungen haben es in sich, weil sie den Scharfsinn des Lesers herausfordern. Nicht nur den literarischen, wohlgemerkt. Schließlich heißt der zweite Text nicht von ungefähr „Schelmenlied“. Und eine Art Schelmenstreich haben der Autor und sein Verlag wohl im Sinn gehabt, denn die Neuerscheinung sieht zwar auf den ersten Blick so aus, ist aber gar keine („Schelmenlied“, geschrieben 1956, erschien schon 1980, und „Skaumo“ wurde 1976 erstmals publiziert). Nur, im Impressum findet sich kein Hinweis darauf, und wer den Klappentext nicht zweimal liest, tappt in die Falle.

Vielleicht sollte Rosendorfer besser auf solche Vermarktungskniffe verzichten oder wenigstens den halben Etikettenschwindel kommentieren. Bestimmt käme dabei Erheiternderes heraus, denn wann immer bei diesem Autor Poesie und Paragraphen aufeinandertreffen, entsteht ein explosives Gemisch aus Aktenstaub und Ironie, und sicher hat Friedrich Torberg auch auf dieses Talent angespielt, als er Rosendorfer Anfang der siebziger Jahre die Vorschußlorbeeren eines „Buster Keaton der Literatur“ mit auf den Weg gab.

Im Musikband „Don Ottavio erinnert sich“ läßt der poetische Paragraphenreiter seiner Muse immerhin ab und an die Zügel schießen. So in dem Problemaufriß „Wem gehört das Rheingold?“, der sich à la Ernst von Pidde mit juristischer Pfennigfuchserei den „zivilrechtlichen Problemen in Wagners Nibelungen-Ring“ zuwendet und unter anderem prüft, ob Vater Rhein aufgrund des geschlossenen Wahrungsvertrags einen Schadensersatzanspruch an die Rheintochter hat. Außerdem erfindet Rosendorfer einen Komponisten und gräbt skurrile Gestalten wie Rudi Stephan und Georg Kremplsetzer wieder aus, denen man nur schwer abnimmt, daß sie wirklich hienieden wandelten.

Das Gros der hier versammelten Arbeiten allerdings sind Sachtexte, Produkte einer ernsthaften, manchmal auch offen didaktischen Musikschriftstellerei, die über „Belcanto-Zeitalter und Risorgimento“ ebenso informiert zu handeln weiß wie über Wilhelm Killmayers Hölderlin-Lieder oder die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte von Rossinis Moses-Oper. Aber Rosendorfer, der sich dem eigenen Bekunden nach „eine Zeitlang einbildete, Komponist werden zu müssen“ und auch heute noch taglich Cello übt, hat offenbar nicht nur eine tiefe innere Beziehung zur Musik, sondern pflegt darüber hinaus ein tragisches Verhältnis zur höchsten aller Künste.