Willy Brandt bekam in Moskau von seinen Gastgebern neue Töne zu hören – auch zur Entwicklung in der DDR

Von Gunter Hofmann

Moskau, im Oktober

Die Deutschen fragen vor allem nach Deutschland, die Russen nach der Zukunft des Sozialismus. So ungefähr sah die Interessenlage und die Rollenverteilung aus während der Gespräche, die Willy Brandt und eine Delegation der Sozialdemokraten in Moskau führten.

„Was würden Sie machen, wenn Sie Honecker wären?“ wollte ein DDR-Student von Brandt wissen. Er hatte eine Rede des ehemaligen SPD-Vorsitzenden im großen Saal der Lomonossow-Universität verfolgt. Brandt war dort gerade von der historischen Fakultät in einem fast sentimentalen Zeremoniell die Ehrendoktorwürde verliehen worden.

Über „Deutschland“ auf sowjetischen Boden öffentlich und offenkundig als eine Instanz betrachtet zu werden, an die man sich in kritischer Lage wendet – das bewegte Brandt sichtlich. Um eines „der schönsten Erlebnisse der letzten Jahre“ hatte es sich für ihn gehandelt, bilanzierte er nach seinem Auftritt in der Universität. Und er sinnierte darüber, wie früher Undenkbares heute doch fast selbstverständlich geworden sei. Wie da junge Studenten aus der DDR nach vorne zu dem Redner eilten, um sich Gehör bei ihm zu verschaffen, und wie sie freundlich und neugierig von ihm wissen wollten, wie es weitergehen solle mit der DDR und dem Sozialismus – das alles ging ihm sichtlich unter die Haut. Mehr vielleicht als ein Gespräch mit dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow, über das er sich später freundlich und wortkarg öffentlich äußerte.

Deutschstunde in der Lomonossow-Universität also: Brandt grämte sich noch hinterher, nicht geahnt zu haben, wie viele Zuhörer er traurig stimmte, als er nur den ersten Teil seiner Rede deutsch vortrug, dann aber die Übersetzerin den Text russisch weiterlesen ließ. Deutsche Fragen hatten ihn plötzlich eingeholt, intensiver, lebhafter, freundlicher, als er sich hätte träumen lassen. Schon den ersten Fragesteller aus dem Honecker-Land begrüßte Brandt ausdrücklich als „Nachbarn“, im richtigen Tonfall, wie er das kann. Und Brandt erhielt dafür auch spontanen Applaus. Dann stapelten sich vor ihm auf dem Pult rasch die Zettel mit weiteren „deutschen Fragen“ von deutschen Studenten in Moskau, die nach oben gereicht wurden.