Von Saul Friedländer

Vor anderthalb Jahren, im April 1988, absolvierte Martin Broszat eine Vorlesungsreise durch die Vereinigten Staaten. Damals war er auch für zwei Tage bei uns in Los Angeles. Seine Vorträge zogen viele Professoren und Studenten an. Wieder einmal erlebten wir ihn, wie schon so oft, als einen Meister der deutschen Zeitgeschichte, als einen ihrer gelehrtesten, anregendsten und überzeugendsten Interpreten – vor allem, was die dunkelste Periode der deutschen Geschichte angeht.

Während dieses Besuches – es sollte das letzte Mal sein, daß ich Martin Broszat traf – verbrachten wir viele Stunden miteinander: Wir machten Stadtrundfahrten, besuchten die bekannteren Orte der Umgebung und sprachen dabei über die vielen Dinge, die uns beiden wichtig waren.

Wenige Monate vorher hatten wir einen Briefwechsel geführt, der von den zentralen Problemen einer Interpretation der NS-Zeit handelte – eine Korrespondenz, die in den Vierteljahrsheften zur Zeitgeschichte veröffentlicht werden sollte. Wir waren in einigen Punkten unterschiedlicher Meinung gewesen. Doch ungeachtet aller Meinungsverschiedenheiten und der Tatsache, daß einige Argumente in aller Schärfe formuliert wurden, gab es keine Spur eines Gegensatzes in den fundamentalen Werten. Dies spürten wir sehr deutlich während unserer Gespräche. Ich glaube, daß uns beiden das zugrundeliegende Verständnis füreinander offenbar wurde, trotz der fast unvermeidlichen Differenzen der Betrachtungsweise.

Am ersten Abend, während des Essens, sagte Martin Broszat: „Wissen Sie, nach unserem Briefwechsel habe ich einige meiner Ansichten geändert.“ Ich hätte denselben Gedanken als erster aussprechen können und hatte nicht die geringste Hemmung zu antworten: „Ich auch.“

Martin Broszat, der 1926 in Leipzig geboren wurde, war nicht nur ein Meister der einfallsreichen historischen Interpretation, er war auch unter den gegenwärtigen deutschen Historikern einer der großen Könner der geschichtlichen Erzählung. Die äußerste Aufmerksamkeit für die minutiöse Nuance, für den lebendigen Ausdruck, für das beschwörende Bild, kurz: der literarische Zug vieler seiner Schriften gab seinem Werk den besonderen Rang der Seltenheit.

Beides, sowohl seine Bereitschaft zu neuen Betrachtungsweisen als auch sein ungewöhnliches Talent der Darstellung, kam am stärksten zum Ausdruck in seinen Studien über das Alltagsleben unter dem Nazi-Regime und in dem bemerkenswerten Gemeinschaftswerk, dessen Architekt Und vichtiger Mitarbeiter er war: den Bänden der Reihe „Bayern in der Nazi-Zeit“. Darüberhinaus behalten wir ihn alle als den Theoretiker in Erinnerung, der über den „Staat Hitlers“ schrieb, und als den Mann, der die deutsche Politik in Polen und alles, was mit den Konzentrationslagern zusammenhing, akribisch erforschte. Dies waren seine großen historischen Beiträge in den sechziger Jahren.