Mit der Verleihung des 21. Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften an den Norweger Trygve Haavelmo gelang dem Auswahlgremium wieder einmal eine Überraschung: Kaum jemand hätte mit diesem Kandidaten gerechnet.

Der 78jährige Empfänger des mit rund 862 000 Mark dotierten Preises ist im „Who is Who“ seiner Wissenschaft nicht aufzufinden. Dennoch ist er, als Namensgeber des „Haavelmo Theorems“, edem Studenten der Ökonomie ein Begriff: Das Theorem besagt, daß eine Erhöhung der Staatslachfrage unter bestimmten Umständen auch dann expansiv wirkt, das heißt zur Steigerung von Volkseinkommen und Beschäftigung beitragen kann, wenn sie komplett aus Steuern finanziert wird. Die nicht auf Anhieb einleuchtende Idee erklärt sich, sobald man berücksichtigt, daß der Staat – im Gegensatz zu seinen Bürgern – nicht sparen muß und daher die Gesamtsumme seiner Steuereinnahmen wieder ausgeben kann. Die Formulierung dieser Erkenntnis im Jahre 1945 allerdings war nicht der offizielle Grund der diesjährigen Auszeichnung.

Begründet wurde die Preisverleihung vielmehr mit Haavelmos Beiträgen zur Entwicklung der Ökonometrie, also der Verwendung statistischer Verfahren zur empirischen Überprüfung theoretischer Modelle. Die nun prämierte Verwendung eines wahrscheinlichkeitstheoretischen Ansatzes in der Ökonometrie geht zurück auf die 1941 abgeschlossene Dissertation des neuen Nobelpreisträgers. Seine ebenfalls hervorgehobene grundlegende Arbeit über die Statistik simultaner Gleichgewichtssysteme veröffentlichte er bereits 1944. Verfaßt wurden diese Beiträge in den Vereinigten Staaten, wo Haavelmo während des Zweiten Weltkriegs arbeitete: Zunächst an der Harvard-Universität, dann als Mitarbeiter der Cowles Commission, eines unter der Leitung des deutschen Emigranten Jacob Marschak stehenden Forschungsinstitutes. Das Preiskomitee wertete Haavelmos Arbeiten in seiner Begründung als bahnbrechend für die damals beginnende stürmische Entwicklung der Ökonometrie zu einer eigenständigen Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaft.

Die Verleihung des Nobelpreises der Wirtschaftswissenschaften für sehr lange zurückliegende Forschungsleistungen ist in der noch relativ kurzen Geschichte dieses Preises nichts Neues. Die Gründe liegen auf der Hand: Immerhin handelt es sich um eine Sozialwissenschaft; neue Erkenntnisse müssen dort, anders als in den Naturwissenschaften, nicht unbedingt sofort als solche erkennbar sein. Es ist daher sinnvoll, das Auf und Ab von Modeströmungen abzuwarten, um einen freien Blick zu gewinnen auf das, was bleibt. Andererseits aber handelt es sich um eine notorisch zerstrittene Disziplin: Zumindest verständlich ist daher das Bestreben des Auswahlkomitees, innerhalb des Meinungsspektrums eine Art ideologischer Balance zu halten.

Auf Kritik stieß schon in der Vergangenheit die Art und Weise, in der das Komitee glaubte sich des Problems einer mitunter harsch ausgetragenen Meinungsvielfalt entledigen zu können. Beliebt war über lange Zeit hinweg eine Art Reißverschlußverfahren, ein Spagat zwischen den Vertretern der verschiedenen theoretischen Hauptauffassungen, die in jährlich wechselndem Turnus mit dieser Palme der Wissenschaften beglückt wurden. Allzu radikale Geister blieben, versteht sich, dabei ausgeklammert. Der hilflose jährliche Wechsel von einem ausgewiesenen Verfechter der freien Marktwirtschaft zu einem eher dem keynesianischen Interventionismus zuneigenden Kontrahenten und zurück scheint freilich seit einiger Zeit der Vergangenheit anzugehören.

Im vergangenen Jahr gelang der Auswahlkommission mit der Auszeicnung des Franzosen Maurice Allais sogar ein unspektakulärer und unbestrittener Erfolg: Er wurde für theoretische Entwicklungen geehrt, für deren Weiterentwicklung sein Schüler Gerard Debreu den Nobelpreis bereits Jahre vorher erhalten hatte. Der Grund: Allais hatte, im Gegensatz zu seinem in Amerika ansässigen Schüler, vorwiegend französisch publiziert und blieb damit auch in der eigenen Zunft weitgehend unbekannt. Kritik an dieser Entscheidung kam nicht auf. Ob dies nach der diesjährigen Preisverleihung so bleibt, mag dahingestellt sein. Haavelmo, der seine Karriere als Mitarbeiter von Ragnar Frisch, dem ersten Nobelpreisträger dieses Faches, begann, gehört sicher nicht zu denen, die an besonders exponierter Stelle tätig waren. Er ist allerdings auch keiner, an dem eine Wiedergutmachung zu leisten wäre. Bleibt die Frage, ob das Nobelpreiskomitee nunmehr dazu übergegangen ist, die politische Neutralität mit einer zunehmenden Flucht in die Vergangenheit zu erkaufen. Dies wäre keine erstrebenswerte Entwicklung.

Der neue Nobelpreisträger selber äußerte sich übrigens deutlich: Er möge die Idee solcher Preise nicht, habe die Sache auch noch nicht so richtig durchdacht. „Schreiben Sie nichts“, sagte er und legte den Hörer auf. Dies, zumindest, macht ihn ausgesprochen sympathisch. Christof Rühl