Von Esther Knorr-Anders

Dieser Bild- und Textband zeigt, wie totalitäre Regime durch Fälschungen von Photos das Denken und Fühlen der Bevölkerung zu beeinflussen, ja zu verändern versuchen. Der Verfasser stellt die Originalphotos ihrer spateren – oft sehr schnell erfolgten – Verfälschung gegenüber. Er zeigt, daß in allen im Buch aufgeführten diktatorischen Herrschaftsbereichen, und zwar von zentraler Kontrollstelle aus, nur solche photographischen Produktionen zur Veröffentlichung freigegeben wurden, die den Personenkult förderten und den Machthabern und ihrem engsten Umkreis zur Verherrlichung dienten. Andere Photos, die diesen Anspruch nicht erfüllten, wurden konfisziert, vernichtet oder bis zur Unkenntlichkeit manipuliert. Der Wirkung der kursierenden Produkte konnten die Herrschenden sicher sein, weil die Masse der Regierten der Meinung war (und in vielen Fällen heute noch ist), daß Photos, im Gegensatz etwa zu Zeichnungen und Gemälden, die pure Wirklichkeit wiedergeben.

Um an vergessene oder schwer zugängliche Photos und Dokumentationen heranzukommen, halfen dem Verfasser Menschen in aller Welt. Auch Journalisten, Bibliothekare, Photographen, die in unfreien Ländern leben, sind am Zustandekommen des Bildbandes beteiligt. Alain Jaubert beginnt mit einer instruktiven Schilderung der Verfälschungspraktiken. Das „Retuschieren“ war (und ist) ebenso üblicher wie harmloser Verschönerungsschwindel der Berufsphotographen. In Gewaltregimen wird die Retusche jedoch als Mittel eingesetzt, den Diktator sukzessive zum Heros, wenn nicht gar zum Heilsbringer zu stilisieren. Das gilt, die Abbildungen machen es deutlich, für Lenin, Stalin, Mussolini, Hitler, Mao und andere weltpolitische Buhnenmitglieder. Zu guter Letzt wurden die Photos zu einer Art Ikone, zum Andachtsbild umgeschaffen. Dazu war es unumgänglich notwendig, auf den Originalphotographien die Sichtmale gewöhnlicher Alltagswidrigkeit zu tilgen.

„Das legendäre Leben Lenins“ ist das erste Kapitel in Jauberts Photoschau der Manipulationsmethoden. Wladimir Iljitsch Lenin wird augenscheinlich von Jahr zu Jahr bestrickender. Gesicht und Gestalt straffen sich; die Augen leuchten ausdrucksstark (Feinstrichübermalung); die Knitterfalten der Jacke, die Knöpfe am Hosenlatz sind verschwunden.

Auf einem Moskauer Photo vom 1. Mai 1919 scheint ein phallisches Objekt an Lenins Rockzipfel zu schwingen. Realiter war es eine hinter dem Redner hängende Laterne. Sie wurde sozusagen „gelöscht“. Auch der Bildhintergrund löste sich in menschenentleerte Weite auf. Übrig blieb der Spitzenfunktionär in der Pose des sieghaften Volkshelden mit segnend erhobener Hand.

Wer aus politischen oder sonstigen Gründen nicht mehr ins Bild paßte, hatte da auch nichts mehr zu suchen. So erging es den Mitgliedern des Zentralkomitees der Bolschewiki, Lew Trotzkij und Leo Kamenew. Trotzkij wurde 1940 im mexikanischen Exil auf Befehl Stalins ermordet; Kamenew 1936 hingerichtet. Auf einem der berühmtesten Photos, datiert vom 5. Mai 1920, ist das Triumvirat Lenin, Trotzkij, Kamenew noch vereint. Nacheinander sprechen sie zu Soldaten, die gegen die in Rußland eingefallene polnische Armee kämpfen werden. Lenin steht auf dem Rednerpodium, die beiden Genossen verweilen daneben. Auf den späteren Reproduktionen des Photos sieht man anstelle Trotzkijs und Kamenews eine bravourös ins Bild gemogelte Podiumstreppe. Ein Gruppenphoto von 1922 zeigt Lenin inmitten von über hundert Genossen des Zentralkomitees. Jahre danach mußten alle jene aus der Photorunde entfernt werden, die zwischen 1936 und 1940 auf Befehl Stalins getötet worden waren.

Das Kapitel „Die maoistische Saga“ weist ein Photo vom 9. September 1976 auf. Eine ungeheure Menschenmenge hat sich versammelt, um den verstorbenen Mao mit Schweigeminuten zu ehren. Etwa zwanzig Persönlichkeiten der Führungsspitze stehen in langer Reihe im Vordergrund. Kaum waren zwei Monate verstrichen, da klaffte auf dem Photo eine unübersehbare Lücke in der Prominentenreihe. Die sogenannte „Viererbande“, einschließlich Maos Witwe, fehlte. Auf den allgemein gehandhabten Kniff, durch „Zusammenrücken“ der übrigen Personen die Lücke zu schließen, wurde verzichtet. Krasser konnte nicht demonstriert werden, daß die Mitglieder der „Viererbande“ als Unpersonen zu gelten hatten. Sie waren nicht einmal einer Fälschung würdig.