Von Vitus B. Dröscher

Instinkte sind einem Tier gewachsen wie die Nase im Gesicht – über Äonen hinweg unveränderlich, bis eine Mutation eintritt. Dieser Glaubenssatz vieler Genetiker ist ins Fabelreich der Irrlehren zu verweisen, und zwar seit Professor Peter Berthold, Zoologe an der Max-Planck-Vogelwarte in Radolfzell, im September auf der internationalen Ornithologentagung in Klagenfurt neue Forschungsergebnisse vorlegte. Das von ihm untersuchte Phänomen: In der südfranzösischen Provence leben kleine Singvögel, Mönchsgrasmücken, von denen ein Teil im Herbst nach Italien oder Portugal zieht, ein anderer Teil jedoch im Lande bleibt. Sie sind sogenannte Teilzieher.

Welches Individuum zieht und welches nicht? Vor fünfzehn Jahren wurde von anderen Ornithologen ein Experiment ausgeführt, das viel Verwirrung stiftete. Sie paarten nur Nichtzieher miteinander. Aber unter den Jungen waren trotzdem stets einige, die im Herbst auf Wanderschaft gingen. Also, so mutmaßten die Experimentatoren falsch, müßten nichtgenetische Faktoren das Zugverhalten maßgeblich auslösen, etwa in herbstlichen Revierkämpfen unterlegene Mönchsgrasmücken würden zu Zugvögeln.

Die Wende brachte vor zehn Jahren folgender Versuch: Peter Berthold kreuzte Mönchsgrasmücken der Kanarischen Inseln, die nur zu 20 Prozent Zugvögel sind, mit Artgenossen aus Südwestdeutschland, die allesamt wegziehen. Schon in der ersten Generation war der Prozentsatz der Zieher von 20 auf 56 Prozent angewachsen. „Dafür gibt es nur eine plausible Erklärung“, so der Forscher, „nämlich daß in die kanarische Population Gene des Zugverhaltens der südwestdeutschen Population eingeschleust worden waren.“ Mit dem ins Nest gelegten Ei ist also bereits vorprogrammiert, welcher Vogel zieht und wer bleibt.

Aber wie starr ist dieser Instinkt? Über die Jahrtausende fest eingefleischt, oder kann er sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen? Eine noch vor wenigen Jahren fast ketzerische Frage.

Die Bedeutung für den Fortbestand der Vogelart zeigt sich in folgendem: Im Norden ihres Verbreitungsgebietes, also in Mittel-, Nord- und Osteuropa, sind alle Mönchsgrasmücken Zugvögel. Im Süden, etwa in Südmarokko, sind sie ausnahmslos Standvögel und in der Mitte dazwischen Teilzieher mit wachsendem Anteil der Nichtzieher im Nord-Süd-Gefälle. Ist ein Winter mild, haben die im Teilzieherbereich bleibenden Vögel bessere Überlebenschancen als die abwandernden. Sie durchleiden nicht die Strapazen und oft tödlichen Gefahren des weiten Fluges. Im Frühjahr können sie als erste die besten Brutreviere besetzen und früher mit der Brut beginnen als die heimkehrenden Artgenossen. Aber wenn der Winter hart wird, haben die „Touristen“ das bessere Los gezogen und überleben in größerer Zahl. In der Ethologie bezeichnet man das als Doppelstrategie zur Erhaltung der Population.

Peter Berthold wollte wissen, wie schnell sich der Prozentsatz von Ziehern zu Nichtziehern an veränderte Umweltbedingungen, etwa an Klimaschwankungen, anpassen kann. Als er seine Versuche begann, war er sich völlig im unklaren, wie viele Jahre dies dauern würde, ob er das Resultat noch erleben würde oder erst seine Enkel darauf hoffen konnten. Er ließ im Institut nicht weniger als 700 Mönchsgrasmücken aus einem typischen Gebiet für Teilzieher, nämlich der Provence, aufziehen. Dabei kreuzte er stets nur Zieher mit Ziehern und Nichtzieher mit ebensolchen. Nach wie vielen Generationen würden sie alle nur Junge zur Welt bringen, die sich ausnahmslos ebenso wie ihre Eltern verhalten?