Von Lars Petzold

Was, du kommst aus der Bundesrepublik und möchtest hier in der Sowjetunion Wirtschaftswissenschaften studieren?? Weißt du, so was gibt es hier nicht: Wirtschaft.“ So spricht Andrej Schukow, Student des vierten Studienjahres, mit dem ich in meiner ersten Vorlesung an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität (MGU) ins Gespräch komme. Wie das? Schließlich war es schwierig genug, überhaupt an die größte Universität der Sowjetunion zu gelangen, an deren juristischer Fakultät einst Gorbatschow studierte. Ihre ökonomische Fakultät nimmt in den Wirtschaftswissenschaften in der UdSSR zudem einen wichtigen Platz ein. Dafür sprechen schon die Namen der Professoren, die teilweise gleichzeitig Mitglieder der Akademie der Wissenschaften sind: Leonid Abalkin, Jegiazarjan, Jemeljanow, Gawriil Popow.

Die Lomonossow-Universität ist ein abgeschlossener Komplex auf den Leninbergen über Moskau mit dem im Zuckerbäckerstil gebauten Hauptgebäude aus den frühen fünfziger Jahren, einem weithin sichtbaren Beispiel Stalinscher monumentalistischer Bau- und Denkweise. Seit neuestem ist es möglich, sich hier gegen harte Devisen für einen begrenzten Zeitraum einzuschreiben. Und ich war einer der ersten Studenten aus kapitalistischen Ländern, die im Zuge dieser Öffnung an die Moskauer Universität kamen. Neben meinem wissenschaftlichen Thema, unter dem ich eingeschrieben war („Neue Tendenzen in den wirtschaftlichen Beziehungen Zwischen Ost und West“), interessierte mich besonders, wie in der Sowjetunion Wirtschaftswissenschaften gelehrt werden, in welchem Maße noch mit alten Stereotypen gearbeitet wird oder ob sich durch Perestrojka etwas verändert hat.

„Vierzig bis fünfzig Millionen Menschen in der Sowjetunion erhalten weniger als 75 Rubel im Monat, bei einem Durchschnittslohn von 200 Rubel in der Industrie. Trotzdem müssen die Preise freigegeben werden, sonst kommen wir nie zu einem marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem.“ Mit diesen Worten beginnt Professor Jegiazarjan den Unterricht. Während die Wissenschaftler zur „Zeit des Stillstandes“ unter Breschnjew nur in kleineren Seminaren und andeutungsweise heimische Probleme ansprechen oder abweichende Meinungen äußern konnten, halten die Professoren heute mit Kritik nicht mehr hinterm Berg.

Die Schwierigkeiten, die moderne sowjetische Wissenschaftler mit den Überbleibseln der alten Zeit haben, lassen sich jedoch schon früh erkennen. So wird etwa bei den Zulassungsprüfungen, die jeder Student vor Eintritt in die Universität zu durchlaufen hat, das Fach Geschichte nicht mehr abgefragt, weil die sowjetische Geschichte buchstäblich neu geschrieben werden muß und es noch keine neuen Schulbücher und häufig auch keinen Geschichtsunterricht in der Schule gibt.

„Wir müssen schnellstens das Informationsdefizit über unsere Defizite in der Wirtschaft nachholen und in geordnete Bahnen fügen, um überhaupt einen Ausweg aus unserer schwierigen Lage finden zu können“, fährt Jegiazarjan fort. Darüber, wo dieser Ausweg zu suchen und wie er zu finden ist, herrscht allerdings noch Unklarheit. Nur die Einführung von mehr Markt scheint klar zu sein.

Gut ist, was die Produktivität und den Lebensstandard der Bevölkerung erhöht: „Um etwas zu bewegen, muß man das Interesse der Leute anregen, und das geschieht weniger durch Befehl als durch neue Formen der Leitung, bei denen dann auch die Eigentumsverhältnisse neu überdacht werden müssen. Selbst im Westen haben sich staatliche Betriebe als nicht effektiv herausgestellt“, doziert Professor Leonid Abalkin, Mitglied der Akademie der Wissenschaften. „Der Markt ist nichts anderes als ein freies Ausbalancieren von Änderungen der Bedürfnisse und Ressourcen, es ist einfach Unsinn, das auf fünf Jahre im voraus planen zu wollen“, sagt Professor Osipow. In der Frage, wieweit man mehr Markt zulassen soll, gehen die Meinungen aber schon stark auseinander.