Lieber Herr Paul,

vor 27 Jahren, als Rudolf Moßbauer den Nobelpreis bekam, haben Sie mir ein Telegramm geschickt: „Gratuliere zum noblen Sohn “ Das ist ein Grund mehr, Ihnen jetzt zum eigenen Nobelpreis zu gratulieren, für eine Arbeit, die damals wohl schon fertig war. Daß sich ihre Bedeutung erst jetzt herausgestellt hat, das erhöht nur ihren Wert. Wem gelingt es schon, dreißig Jahre für die Zukunft vorzuarbeiten

Was war das für eine Zeit in der Physik nach dem Krieg! Die Isolation vom Ausland dauerte zwar nicht lange, aber lang genug, um Muße für eigenes Denken und neue Ideen zu geben und den Austausch im kleinen Kreis zu fordern. Mehrere Nobelpreise, darunter jene von Hans Jensen und Manfred Eigen, haben in dieser Zeit ihre Grundlage Und der Mangel an Mitteln zwang zur Einfachheit Spater, als das Nachlaufen hinter den Amerikanern begann, sank die Effektivität.

Und da waren die Studenten, großenteils noch Kriegsgeneration mit ungewöhnlicher Reife und viel Leistungswillen Und da waren die Professoren aus der Zeit vor dem Krieg, bei Ihnen Hans Kopfermann, bei mir Walter Bothe Als Besucher aus Chicago kam James Franck, dessen erster Doktorand Kopfermann war und ich sein letzter nach seiner Emigration 1933 In Gottingen, wo Sie bei Kopfermann arbeiteten, waren viele bedeutende Wissenschaftler am Wirken

In den Nobelpreisvortragen lese ich immer wieder, wie sehr die Preisträger das Vorbild ihrer Lehrer anerkennen Sie werden sicher oft an Kopfermann denken mit seinem Ideenreichtum, der Fürsorge für die Jungeren und die Freiheit, die er den Jungeren gab. Und er war sicher glücklich mit dem Kreis seiner Schuler, voran Walcher, Brix und Sie Aber er hat sicher nicht geahnt, wie Sie mit seinem Erbe und dem Pfunde Ihrer eigenen Initiativen wuchern wurden. Als Sie als Professor nach Bonn kamen, ich glaube es war 1953, bauten Sie sofort eine große Schule auf mit vielen Themen und bald auch mit einem Kreis von munteren, respektlosen Jungeren. Sie haben mir selbst erzahlt, daß Sie eines Abends allein im Institut arbeiteten und einen Zettel hinterließen „Ich habe das Manometer kaputtgemacht Was der Herr tut, ist gut getan.“ Am nächsten Morgen war das ganze Labor voll mit Parolen aus der Bibel gegen den „schrecklichen Herrn“ Ihre Schuler haben Ihre Ideen ausgeführt und sind dabei darüber hinausgewachsen. Heute bevölkern sie die Lehrstuhle für Experimentalphysik.

Wir haben von unseren Lehrern profitiert, und keiner Ihrer Schuler wird nicht dasselbe von Ihnen sagen. Sie sind das beste Beispiel für ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, das auf selbstloser Autorität beruht, und ein Beispiel gegen das generalisierende Geschwätz von der Ausbeutung des Nachwuchses durch die Professoren

Am Anfang meiner Zeit in München horte ich einen Kolloquiumsvortrag von Ihnen über Untersuchungen an Molekülen in Massenspektrometern. Professor Joos, mein Mentor und Gönner, erklärte: „Das sind Nobelpreisarbeiten “ Sie haben sich auch vor größeren Projekten nicht gefürchtet, und Ihre Jungen haben sich dabei bewahrt Spater haben Sie auch Amter angenommen Sie waren Vorstandsvorsitzender der Kernforschungsanlage Jülich, dann Vorsitzender des Direktoriums des Deutschen Elektronen-Synchrotrons DESY in Hamburg, danach des Wissenschaftsausschusses bei Cern in Genf und schließlich Präsident der Humboldt-Stiftung. Und es gab Ehrungen, die Sie sicher gefreut haben, neben Ehrenmitgliedschaften und -doktorwurden den Orden pour le mérite, die fast hundertfünfzigjährige, unbekannte Einrichtung.