ZEIT: Herr Steinkühler, die IG Metall nimmt den dritten Anlauf zur 35-Stunden-Woche. Bei Ihrem Gewerkschaftstag nächste Woche in Berlin wird dieses Thema eine große Rolle spielen. Ist in der derzeitigen ökonomischen Situation Arbeitszeitverkürzung wirklich das wichtigste Problem?

Steinkühler: Für die Arbeitnehmer ist Arbeitszeitverkürzung das wichtigste Mittel, um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und Arbeitsplätze zu sichern. Das gilt vor allem angesichts der Tatsache, daß wir bei Hochkonjunktur immer noch Massenarbeitslosigkeit haben. Der Boom wird nicht ewig anhalten. Und bei der Vorstellung, daß die nächste Krise auf einem Sockel von zwei Millionen Arbeitslosen einsetzt, muß doch jedem ein kalter Schauer über den Rücken laufen. Schon deshalb ist Arbeitszeitverkürzung eines der wichtigsten Probleme. Lohn- und Gehaltserhöhungen sind allerdings genauso wichtig.

ZEIT: Zeigen die Auseinandersetzungen um Nachschläge in den Betrieben nicht, daß Ihre Basis vor allem mehr Geld haben will, daß es ihr weniger um Arbeitszeitverkürzung geht?

Steinkühler: Wir selbst haben den Arbeitnehmern empfohlen, sich in den Betrieben das zu holen, was zu holen ist; denn wir waren nicht in der Lage, vorgezogene Verhandlungen zu führen, weil die Arbeitgeber dies abgelehnt haben. Die Arbeitnehmer haben in einem absoluten Boomjahr Reallohnverluste hinnehmen müssen. Das erhöht natürlich den Druck auf eine Ergebnisbeteiligung. Daraus würde ich aber nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß den Arbeitnehmern Lohn und Gehalt wichtiger sind als Arbeitszeitverkürzung.

ZEIT: Sie sprachen von Reallohnverlusten. Nach den Zahlen des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall werden die Reallöhne in der Metallindustrie von 1987 bis zum Auslaufen des gegenwärtigen Tarifvertrages im Frühjahr 1990 brutto um drei Prozent gestiegen sein. Ohne Arbeitszeitverkürzung hätten es nach diesen Angaben 7,2 Prozent sein können.

Steinkühler: Dieses Argument der Arbeitgeber wird sich noch gegen sie wenden. Einerseits behauptet Gesamtmetall, die Arbeitnehmer hätten 4,2 Prozent mehr Lohn haben können, andererseits sagen sie, die Arbeitszeitverkürzung habe keine Neueinstellungen gebracht. Eines von beidem kann nur richtig sein, denn Arbeitszeitverkürzung kostet nur dann etwas, wenn die Unternehmen ihr Personal deswegen aufstocken. Im übrigen will ich betonen, daß wir nur 1989 Reallohnminderungen hatten. In dem Dreijahreszeitraum des derzeit gültigen Tarifvertrags sind die Löhne real gestiegen.

ZEIT: Der „wilde Streik“ bei Hoesch und die Nachschläge bei verschiedenen Firmen stellen dem Tarifvertrag von 1987 trotzdem nicht das beste Zeugnis aus. Wollen Sie Ihren Mitgliedern noch einmal zumuten, zugunsten von Arbeitszeitverkürzung auf Einkommen zu verzichten?