Von Joachim Fritz-Vannahme

Es gebe Grund zur Beunruhigung, verkündete der französische Kulturminister zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Europas Fernsehen stehe für Amerika sperrangelweit offen. Nur gemeinsam könne sich das kleine Europa wehren, glaubt der Minister, der vor wenigen Tagen in Brüssel vergeblich Einfuhrquoten für Fernsehserien Made in Hollywood durchboxen wollte. Armes Europa, gefährliches Amerika... Der amerikanische Freund habe lange genug uns Westeuropäer „infantilisiert“, klagt der ehemalige Präsidentschaftsberater Régis Debray in seinem neuesten Buch. Wie du mir, so ich dir, sagte sich in diesem Sommer Jacques Chirac, der konservative Bürgermeister von Paris: Weil im fernen Louisiana ein französisches Filmteam tagelang die Kameras abstellen mußte, nur weil seine Anwesenheit dem machtigen amerikanischen Regisseursverband nicht paßte, wurde plötzlich auch Paul Newman in Paris mit Drehverbot belegt.

Da war er wieder, jener Hauch von Antiamerikanismus, der von der einst so stürmischen Pariser Kritik an der „Plutokratie“ und „Unkultur“ (so die Stimmen von rechts) oder am nordamerikanischen „Imperialismus“ (so die Linke) nachblieb. In den Jahren des Kalten Krieges eiferten mit Sartre und Beauvoir die meisten Intellektuellen gegen Amerika, für sie ein Hort von Kapitalismus, Rassismus und Lynchjustiz. Frei von Widersprüchen war dieser damals tonangebende Antiamerikanismus freilich nicht, wie Simone de Beauvoir später eingestand: „Wir fühlten uns von Amerika, dessen Politik wir bekämpften, angezogen, während die Sowjetunion, deren Experiment uns so teuer war, uns kalt ließ.“

Dieser wütende Antiamerikanismus aus blindem Prokommunismus hielt bis in die siebziger Jahre, ehe er unterm Eindruck der Solschenizyn-Lektüre und dem Alptraum der kambodschanischen Tragödie zusammenbrach. Übrig blieb vor allem bei der linken Wählerschaft eine Skepsis gegenüber der amerikanischen Ellenbogengesellschaft, geschäftstüchtig, aber geistlos in ihren Augen und den allermeisten nur aus Serien und Filmen bekannt, da die Franzosen sehr lange kaum Übersee-Touristen (dazu war der Franc zu schwach), geschweige den Übersee-Auswanderer (dazu ist Frankreich zu schön und republikanisch) waren.

Als Jack Lang vor acht Jahren erster sozialistischer Kulturminister wurde, blieb er demonstrativ dem beliebten Festival des amerikanischen Films von Deauville fern und hielt in Mexiko eine Brandrede in altlinkem Stil. Noch heute machen sich Reporter aus Boston oder Baltimore ein Vergnügen daraus, ihn an jene Rede zu erinnern: Haben Sie, Monsieur le Ministre, damals wirklich gegen „jenen finanziellen und intellektuellen Imperialismus, der sich Denk- und Lebensweisen unterwirft“, gewettert?

Hat er, hat er. Doch inzwischen, in Frankfurt etwa, klingt er gedämpfter, salonfähiger. Vom antiimperialistischen Kulturkämpfer bleibt ein geschäftstüchtiger Kulturaußenhandelsminister; aus der Brandrede wird ein Stirnrunzeln. Vernünftiger, auch kleinlauter klingt der Minister. Schließlich war es vor vier Jahren seine Regierung, die in aller Hast Privatfernsehen zuließ und den geschmähten Billigprodukten aus Übersee neue Absatzmärkte öffnete.

Gleichwohl finden Langs Worte damals wie heute ihr Echo: Dreiviertel aller Franzosen, mehr denn je, lehnen einer Umfrage zufolge den American way of life für sich rundweg ab. Sympathisch sind ihnen die Amerikaner, doch nicht so sehr Amerika. „Hier gibt es keine Kultur“, telegraphierte unlängst der Sozialphilosoph Jean Baudrillard aus der Neuen Welt: Die Nachricht war nicht eben originell, doch in seiner Heimat glaubte man ihm immer noch.