Im vergangenen Sommer haben die bedrückenden Geiselaffairen um den amerikanischen Oberst Higgins (vor dem dunklen Hintergrund gegenseitiger politischer Erpressung), haben Meldungen über die Aktionen radikal-revolutionärer Schiitengruppen im fast ganz zerstörten Beirut die internationalen Nachrichten besonders beschäftigt Zum Ziel dieser revolutionären Gruppen gehört – nach eigenen Angaben – nicht nur der Kampf gegen Israel, sondern auch die Abwehr des westlichen christlichen Einflusses im Osten.

Auch diese Vorgänge gehören in den Kreis der Frage, ob die religiösen Fundamentalisten – die politischen Extremisten aus dem Mittleren Osten – weiter im Vordringen sind. Die Machtergreifung im Sudan Anfang Juli dieses Jahres durch den General Omar Hassan el Baschir erregte auch im Westen die Gemüter, weil es hieß, der neue Regierungschef habe islamische Fundamentalisten in sein Kabinett in Khartum aufgenommen. Was hat dies alles für Europa zu bedeuten?

In Frankreich ist – nach neuen statistischen Angaben – der Islam neben der katholischen Kirche die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Die Zahl der mohammedanischen Gastarbeiter in ganz West- und Mitteleuropa ist sehr groß. In Wien gibt es Volksschulklassen, in denen es mehr Kinder aus islamischen Familien gibt als aus christlichen. Wie kommen die Menschen zweier so verschiedener Kulturkreise miteinander aus? Wird der gegenseitige Respekt die Oberhand gewinnen? Sind wir heute mehr als früher imstande, Konflikte ohne Gewalt zu lösen? Ist ein Dialog zwischen Islam und Christentum möglich, hat er einen Sinn? Wird der religiöse, politische Fanatismus sich solchen Versuchen nicht widersetzen?

In seiner eigenen Vergangenheit kannte der Islam weniger Verfolgungen als das Christentum am Beginn seiner Geschichte. Bis zum Jahre 651, in den ersten dreißig Jahren seit ihrer Gründung (Mohammed war 632 gestorben), hatte die neue Religion Syrien, Mesopotamien, Iran und Ägypten erobert. Die muslimischen Araber nahmen in kurzer Zeit den Mittleren Osten und Nordafrika in Besitz. Große Gebiete des Christentums gingen verloren. Der Manichäismus, die Religion des Zoroaster, verschwand in diesem Zusammenhang praktisch aus der Geschichte. Die durch „heilige Kriege“ einverleibten Völker übernahmen die neue Religion mit ihrer Sprache, ihrem heiligen Gesetz, ihrer Politik und Herrschaftsstruktur. Im 14. und 15. Jahrhundert wird der christliche Sudan zum großen Teil muslimisch. 1453 fällt das christliche Zentrum des Morgenlandes, Konstantinopel. Diese rasche Expansion des Islams ist für den gläubigen Schüler Mohammeds ein Beweis, daß Allah nicht nur Mohammed als Propheten gesandt hat – mit seinem Heiligen Buch, dem Koran –; es ist auch eine Bestätigung für die Richtigkeit der neuen Religion, des Weges unter Allahs Macht und Schutz.

Christus starb am Kreuz. Mohammed als siegreicher Eroberer und Herrscher. Wenn der Muezzin vom Turm der Moschee fünfmal am Tag die Gebetszeiten ankündigt, erinnert er die Gläubigen nicht nur daran, daß sie ihre Gebete zu verrichten haben in Richtung Mekka; sondern auch daran, daß es nur einen Gott gibt und daß Mohammed sein Prophet ist. Denn, so lesen wir in der Sure 112 des Koran: „Im Namen Allahs, des Barmherzigen! – Sprich: Allah ist der alleinige, einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich.“ Darauf beruhen die fünf wesentlichen Pflichten der Muslime. Sie sind in einfache, einprägsame Kurzformeln gefaßt, ohne theologische Spekulationen: die erste und wichtigste ist natürlich der Glaube an den einen Gott. Zweitens sind die fünfmaligen Gebetszeiten am Tage mit der Freitagsversammlung in der Moschee einzuhalten. Drittens ist der Fastenmonat Ramadan zu achten. Viertens das Geben von Almosen. Fünftens die Pilgerfahrt nach Mekka – mindestens einmal im Leben. Außer diesen fünf Pflichten gilt für die Gläubigen das Verbot, Schweinefleisch zu essen, Alkohol zu konsumieren und sich dem Glücksspiel hinzugeben. Am Ende der Zeiten dann folgt der große Gerichtstag mit der Belohnung der Guten und der Bestrafung der Sünder, mit Paradies und Hölle.

Zwischen Islam und Christentum besteht also ein tiefgreifender Unterschied, trotz der gemeinsamen Wurzel in der alttestamentlichen, jüdischen Offenbarung von dem Einen Gott und seinen Propheten. Im Islam sind religiöser Glaube und politische Macht untrennbar miteinander verbunden. Ajatollah Chomeini formulierte überspitzt: „Ohne Politik ist der Islam nichts.“ In der Religion des Islam gibt es keine Kirche, kein Priestertum, keine Sakramente, keine geistliche Hierarchie, keine Pfarrgemeinden oder Konzilien. Ein Gegensatz zwischen Kaiser und Papst (wie im christlichen Mittelalter) ist im Islam unvorstellbar, weil diese beiden Gewalten (Kaiser und Papst) für ihn ein und dasselbe ist.