Michael Kohlmeier: Spielplatz der Helden

Warum nehmen die drei Manner überhaupt die riskante Schinderei auf sich, 1400 Kilometer über das grönländische Eis zu marschieren? Ich weiß es nicht. Klar wird nur: mit den ersten Schritten in der Kalte bricht der Streit los, so heftig und verbohrt, daß ein Expeditionsmitglied seine beiden Kumpane eineinhalb Monate lang mit eisigem Schweigen bestraft. Das ist – eine authentische Gronlanddurchquerung 1983 zum Vorbild genommen – die eine Geschichte, die andere beschreibt eine Liebesstrapaze des Erzählers, der die Eiswanderer interviewt hat. Zwei extreme Lebenserfahrungen werden gegeneinander geschnitten (Piper Verlag, München 1988; 348 S, 36,– DM), aber man weiß nicht recht, in welchem Scharnier sie zusammenhängen, bis am Ende der entfernte Angelpunkt offenbar wird: es ist das Fabulieren, das Lugen, die Notwendigkeit eines jeden, um sich herum eine Welt zusammenzuspinnen, die zu ihm paßt; sich den Spielplatz zu bauen, auf dem er Held ist. Michael Kohlmeier schafft es, die gleichen Schleifen dreimal zu gehen, ohne in alte Spuren zu geraten, und bringt seinen Stoff beherrscht zu Papier. Er schreibt sauber gezimmertes Handwerk, aber eine „Parabel auf unsere Gegenwart“ ist sein Roman doch wohl nicht. Paul Stanner

Jan Moen: Aufstand der Alten

Die Alten rebellieren: Sie kämpfen gegen eine Gesellschaft, die ihre Vorfahren am liebsten vergessen mochte und ihr Gewissen beruhigt, indem sie Seniorenwohnungen baut. Die Rentner einer schwedischen Kleinstadt wollen sich damit nicht abfinden. Sie streiten für ihre Rechte und benutzen dabei sehr moderne Methoden: Nach einem ausgeklügelten Plan kapern sie Lastwagen voller Lebensmittel, legen Stromleitungen lahm und besetzen eine Festung. Den ehemaligen Polizeichef und die frühere Hehlerkonigin verbindet ja wirklich manches: „Wir sind alt geworden. An dem Tag, als wir funfundsechzig wurden, waren wir plötzlich gleich Als wir funfundsechzig wurden, haben wir nämlich unsere Identität verloren. Wie sind ganz einfach Senioren geworden.“

Der Anlaß für die Besetzung ist im Grunde nichtig und kann nur als letzter Anstoß verstanden werden, durch den sich längst aufgestaute Empörung entladt: Weil die Bewohner des Seniorenheims jeden Mittag über eine stark befahrene Straße laufen müssen, um sich ihr Essen aus einer Großküche abzuholen, fordern sie eine Ampel. Ohne Erfolg. Als ein alter Mann von einem Wagen überfahren wird, baut die Stadt schließlich eine Fußgängerbrücke. Doch für die Rollstuhlfahrer endet jetzt der Weg an den Treppen. Erbost über so viel Ignoranz, entschließen sich die Betagten für härtere Mittel. Jan Moens Buch (aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs; Kabel-Verlag, Hamburg 1989; 187 S., 29,80 DM) ist eine Mischung aus Abenteuerroman und sozialkritischem Krimi. Aus der Sicht eines obdachlosen Alkoholikers erzahlt es die Geschichte einer doppelten Diskriminierung: Denn die Alten, die sich unverstanden fühlen, wollen andererseits mit dem Außenseiter nichts zu tun haben. Das bringt schließlich ihr Vorhaben zu Fall. Heike Strole