Von Heike Ströle

Wie im Zoo mögen sich die Mieter in der Münchner Modellsiedlung „Integriertes Wohnen“ manchmal vorkommen, angegafft von Neugierigen. Scharen von Studenten und Busse voller Touristen reisen hierher, um die Paradestücke hintersinniger Architektur zu photographieren – Sozialwohnungen. Im Stadtteil Nymphenburg, wo Wachhunde oder zumindest Alarmanlagen elegante Villen mit gepflegten Gärten sichern, stehen diese Häuser für die weniger Reichen und fallen nicht einmal auf. Denn sie haben nichts gemein mit den üblichen schubkastenförmigen Mietskasernen (nein, über diese traurige Angelegenheit wäre auch kein Wort zu verlieren), weil sich diesmal Architekten auf Geheiß der Stadt München als Baumeister einer neuen, besseren Gesellschaft beweisen durften.

Sie haben Behinderte, Ausländer, kinderreiche Familien, Alleinerziehende und ältere Menschen, die auf dem freien Wohnungsmarkt nur schwer eine Bleibe finden, unter ein Dach gebracht. Und alle sollen sich miteinander vertragen. „Integration“ heißt neudeutsch, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, es aber nicht ist, und deshalb von Profis künstlich, aber kunstvoll arrangiert wurde.

„Wir inszenieren die Gemeinschaft“, sagt der Münchner Architekt Otto Steidle, der zusammen mit Patrick Deby, Roland Sommerer, Hans Kohl und Jochen Baur das Experiment auf dem Reißbrett entworfen und es dann gebaut hat. Dahinter steckt die Vermutung, daß eine bestimmte Bauweise Einfluß nehmen könne auf das Leben der Bewohner und die Voraussetzung schaffe für mehr Nähe zueinander.

Das Modell basiert im wesentlichen auf zwei Überlegungen: Erstens sollte jedes der neun Häuser eine eigene Mentalität besitzen, eine Art persönliches Profil, das es außen ebenso wie innen von den anderen unterscheidet. Kleine Gebäude statt großer Wohnblocks sind wichtig, weil nur in ihnen jene „innere Öffentlichkeit“ entstehen kann, in der sich die Bewohner näher kennenlernen. Unterstützt wird diese Idee architektonisch durch offene, großzügig bemessene Treppenhäuser und einen Gemeinschaftsraum, organisatorisch durch einen gewählten Bewohnerrat, der sich regelmäßig trifft. Zweitens soll sich das Spannungsverhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit in der Architektur zu erkennen geben. Das geschieht durch eine sehr eigenwillige Art der Erschließung. Ein „Weg durchs Haus“ und Höfe verbinden alle Häuser miteinander. Sie sind halb öffentlich und halb privat, Eingang zu den Gebäuden und Ort der Begegnung zugleich. Der kleine Park, an den sich die Komplexe zweizeilig anschließen, ist zugänglich für Bewohner wie für Nachbarn.

Aus diesen beiden Überlegungen ergibt sich theoretisch eine doppelte Integration: eine zwischen den Bewohnern selber und eine andere zwischen den Mietern und den Nachbarn.

Dabei waren viele Nachbarn dieses Villenviertels anfangs ganz empört, als sie von dem Plan hörten, Sozialwohnungen sollten in ihrer Nähe entstehen. Sie fürchteten um das Niveau der exklusiven Gegend und um „ihren“ Park, gründeten eine Bürgerinitiative und setzten alle Hebel in Bewegung, um die Bebauung zu verhindern. Heute haben sich die Fronten verwischt. Denn die meist dreigeschossigen Stadtvillen fügen sich harmonisch in das Gesamtbild der Umgebung ein und sind mitnichten ein Schandfleck des Viertels.