Stramm am Grab

Die letzten Überlebenden beim „Wüstenfuchs“ von Philipp Maußhardt

Herrlingen

In Herrlingen bei Ulm rommelt es einmal im Jahr. Zum Todestag des „Wüstenfuchses“ am 14. Oktober setzen sich die Restverbände des Deutschen Afrika-Korps in Bewegung und stoßen vor zum Grab ihres ehemaligen Kommandanten, Generalfeldmarschall Erwin Johannes Eugen Rommel, auf der Westflanke des Herrlinger Friedhofs. Am vergangenen Sonntag, 45 Jahre nachdem sich Rommel auf Befehl Adolf Hitlers selbst vergiftet hatte, rommelte es vor seinem Grabstein, einem Eisernen Kreuz aus Eichenholz, wie noch nie zuvor. Rommein – so nannten die deutschen Soldaten das schnelle Vorstoßen von Panzern hinter die feindlichen Linien – hat sich in Herrlingen zu einer friedlichen Umarmungstaktik gewandelt. denn vor dem Grab des Mannes, der Hitlers Armeen bis in Breitengrade geführt hatte, in denen sie auf ihren Panzern Spiegeleier braten konnten (Deutsche Wochenschau), salutieren seit langem auch Offiziere der ehemaligen Feindarmeen.

„In honor of a great professional solcher legte die US-Armee ihren Kranz in diesem Jahr neben den der Ritterkreuzträger aus dem Zweiten Weltkrieg, und die Kranzschleife des Bundesverteidigungsministers verwurstelte sich einträchtig mit der Binde der deutschen „Gespensterdivision“, die Südfrankreich 1940 überrollt hatte. Und während das Zerstörer-Schlachtschiff der Bundeswehr Rommel in diesen Tagen friedliche Grüße im Hafen von Leningrad überbringt, kamen nach Herrlingen auch noch die letzten überlebenden Veteranen des neuseeländischen Maori-Korps angereist, um den Generalfeldmarschall zu besuchen, der 1941 in Nordafrika über sie „herfallen und sie vernichten“ wollte.

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Aber der Wüstenstaub hat sich längst schon über die großen Schlachten gelegt, und spätestens nach dem Trompetensolo eines Bundeswehrbläsers („Ich hatt’ einen Kameraden“) bekräftigten sich die alten Männer beim gemeinsamen Mittagessen in der Rommelkaserne („Wir Afrikaner gehen jetzt alle dorthin“), daß sie auch damals in der Wüste eigentlich nichts lieber getan hätten, als gemeinsam gemischten Braten zu essen. Einer, der sich durch seinen Krawattenaufdruck als Kämpfer im Afrika-Korps zu erkennen gab, kam noch einmal auf die Spiegeleier zu sprechen: Zu den Dreharbeiten für die Deutsche Wochenschau sei extra ein Gaskocher unter dem Panzerblech installiert worden. Wie – Rommel ein Trickkünstler? Ein Vorbild sei er, sagen noch immer die meisten der Besucher, die sich in das Gästebuch des kleinen Rommel-Museums in Herrlingen eintragen. Solche Feldherren wie ihn, glaubt sogar einer, wird man wieder brauchen, „wenn Deutschland eines Tages wirklich wieder Deutschland sein wird“. Nur ein japanischer Gast scheint den „Wüstenfuchs“ Rommel gehörig mißverstanden zu haben: „Heia Safari“, schrieb er zum Gruß ins Gästebuch.

Der älteste noch lebende deutsche Afrika-Kämpfer im Stuttgarter Kameradschaftsverband, der 93jährige Ernst Isensee, steht noch an jedem Todestag stramm am Grab. „Dreiundzwanzigster September einundvierzig“, rasselt er herunter, „Totensonntag, größte Schlacht bei Sidi Rezegh.“ Feind wurde vernichtend geschlagen, und Stabsfeldwebel Isensee konnte als Leiter des Musickorps seinem Kommandanten wieder dessen Lieblingsmarsch blasen lassen: „Ein Jäger aus Kurpfalz“. „Wir hatten die schlechteren Waffen, aber dank Rommel den besseren Schneid.“ Solch einem Wehrmachtsoffizier hält auch die traditionsarme Bundeswehr die Treue: „Wir haben Gott zu danken, daß es ihn gegeben hat“, bekannte Brigadegeneral a. D. Hans Scriba vor Rommels Grab.

Während sich zwei alte Recken in ihren getreulich nachgeschneiderten Afrika-Uniformen samt Tropenhelm darüber unterhielten, ob es wohl Grüne waren, die im vergangenen Jahr die Kränze in der Nacht vom Grab stahlen und sie in den Kanal schmissen, hat sich die Menge auf dem Friedhof wieder zerstreut, und einer, der schon etwas später kam, ist auch gleich wieder gegangen: der Sohn des „Wüstenfuchses“, Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel. „Diesmal hatte er wenigstens einen schwarzen Mantel an“, bruttelte ein Afrika-Kämpfer ihm hinterher. Zwar kam der Sohn, wenn auch im hellen Mantel, noch immer zu der Feier, doch auf die Einladung erkundige sich Rommel immer wieder: „Muß das sein?“

Philipp Maußhardt

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  • Quelle DIE ZEIT, 20.10.1989 Nr. 43
  • Schlagworte Adolf Hitler | Manfred Rommel | Nordafrika | US-Armee | Leningrad
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