Von Dietmar Bruckner

Nürnberg

So was Ordinäres spiel’ ich net!“ Paula Macher, eine der echten Bühnenbegabungen unter den vielen heimlichen Stars des Nürnberger Seniorentheaters, sagt es mit der ihr eigenen Endgültigkeit. Die Gruppe ist erst mal baff. Wer soll die Rolle spielen, wenn nicht Paula Macher?

Erika Odörfer, Autorin der vermeintlich ordinären Szene, startet einen verzweifelten Rettungsversuch. Neulich erst habe ihr eine Krankenschwester bestätigt, daß sie mit ihrer Beschreibung die Situation der Krebskranken haargenau getroffen habe. Im übrigen, damit da kein falscher Eindruck entstehe, dies sei der Fall einer Bekannten gewesen, nicht etwa ihr eigener. „Und bei der ist der Ehemann tatsächlich ins Gästezimmer umgezogen, als er hörte, daß seine Frau Brustkrebs hat“, ruft Erika Odörfer in Richtung Paula Macher. „Ekeln tut’s mich, hat er gesagt. Und daß er sich scheiden lassen will, wenn sie ihr die Brust abschneiden.“ Erika Odörfer macht eine Atempause. Warum soll man das im Theater nicht sagen dürfen?“

Die rund vierzig älteren Damen und Herren, die sich seit zwei Jahren zum „1. Seniorentheater Nürnberg e.V.“ zusammengefunden haben, zögern noch. Vor allem die Operetten-Fraktion ist gegen das Stück. Das Publikum werde von der mit Krankheiten belästigt. Schlimmer noch: Ort der Handlung ist eine Leichenfeier, während der eine Witwe über ihren toten Mann zu Gericht sitzt. Ein ganzes gutbürgerlich verpfuschtes Leben wird rekapituliert, ein Frauenschicksal im Nachkriegsdeutschland.

Die Operetten-Fraktion unterliegt. Erika Odörfer, und ihr zur Seite Regisseur Horst Konietzny, setzen den „ordinären“ Text durch. Er ist Teil einer Bühnen-Show des Seniorentheaters – Rückblick auf vierzig Jahre Bundesrepublik –, die nicht zu einer fahnenschwingenden Jubelveranstaltung werden sollte. „Eine skeptische Bilanz“, hatte Konietzny in Aussicht gestellt. Titel: „Jubeläh-um 40.“

Das Stück beginnt mit einem düsteren Fall von Entnazifizierung gegen ein paar Sack Kohlen. Dann werden Flüchtlingsprobleme vorgeführt, der Mauerbau thematisiert, das Wirtschaftswunder, die durchs Land schwappende Reisewelle, der technische Fortschritt und seine Opfer, besonders aber, wie ein verborgenes Leitmotiv, Frauenprobleme, verdrängte Sexualität, ungelebtes Leben.