Von Heinz Josef Herbort

Was ist ein Klavier? Der Komponist Dieter Schnebel versucht sich zunächst distanziert als exakter Naturwissenschaftler, definiert rational die Physis: „Der Klang des Klaviers besteht in den Schwingungen angeschlagener Seiten, die durch die mitschwingenden Materialien des Instrumentenkorpus, hauptsächlich Metall und Holz, verstärkt werden... Der Klang selbst entsteht indirekt: Finger betätigen Tasten, welche durch eine komplizierte Mechanik den Anschlag der Filzhämmer auslösen. Da in solcher Weise mehrere, ja viele Seiten gleichzeitig zum Klang gebracht werden können, wird beträchtliche Polyphonie ermöglicht.“ So war es vorgestern. Gestern kam eine zusätzliche Methode hinzu, einen Klang zu erzeugen, indem „die spielenden Hände die mannigfachen Klangflächen... direkt durch Schläge zum Klingen bringen“. Heute freilich, dank der rasanten Entwicklung elektronischer Manipulationsmöglichkeiten, läßt sich der eigentliche, der verhältnismäßig statische Klavierklang sowohl unter die Lupe nehmen als auch räumlich wie zeitlich entfalten.

In seinen „Monotonien“ führt Schnebel vor, wie sich so etwas ereignet. In acht Teilen entwickelt er seinen Kosmos um einen Ton: setzt ihn zunächst als klanglichen „Punkt“ in der Form eines eingestrichenen C, bewegt ihn durch einige Parameter der Dynamik, bleibt aber vorwiegend in den Pianissimo-Regionen, verdoppelt dann den Punkt, vervierfacht ihn bis in das Riesenintervall der siebenfachen Oktave – eine Linie von Kraft und Farben entsteht. Schließlich die Ausweitung des Punktes – die Elektronik „verstimmt“ den Ton, der Interpret gibt ihm eine zeitliche Dimension; eine räumliche Ausweitung durch Addition von Punkten zu einer immer dichteren Tonwolke; die Kombination dieser Ausweitungen; die „Verschiebung der Zeit“ durch das elektronische Verzögern, Wiederholen, Erinnern; die „Verschiebung des Raumes“ durch die Abstrahlung der manipulierten Klänge über diverse Lautsprecher im Raum.

Wieder einmal macht uns Dieter Schnebel „hellhörig“: Was da mit einem Ton begann, sich aufsplittet, Dimensionen gewinnt, ist das Element, das Atom oder Molekül einer Musik, die unser aller Ohren vertraut geworden ist, in horizontalen und vertikalen Skalen zwischen Horowitz und Clayderman, Stockhausen und dem „Gebet einer Jungfrau“. Aber nie haben wir so recht hineingehört in das Klavier. Das Instrument war eben nur ein Instrument, und der Hohepriester saß davor, traktierte es, bearbeitete es, schändete es – und sonnte sich in den Ovationen. Dieter Schnebel holt den Mythos zurück und läßt den Klang selber zur Kunst werden. Und da plötzlich gewinnt das Rationale ungeheure sensitive Dimensionen, die sich eine fast meditative Haltung des Hörers ausbedingen (Solistin: Marianne Schroeder; Live-Elektronik: Hans-Peter Haller, André Richard, Rudolph Strauß, Bernd Noll). Eine kleine Frage freilich wird man stellen dürfen: Warum sollte/konnte das Publikum nicht erfahren, daß die letzten Abschnitte dieses in der Abfolge „offenen“ Stücks gar nicht gespielt, gar nicht uraufgeführt wurde? Haben wir es etwa gar nicht erkannt oder überhört?

Was ist ein Klavier? Walter Zimmermann sieht es beinahe genau umgekehrt. „Daimon“ heißt der erste von acht Teilen seines nennen wir es mit dem traditionellen Begriff: „Klavierkonzerts“, und der Solist muß sich durchaus,als ein Besessener offenbaren in einer Eingangs-„Kadenz“, die sich um die hier konstitutiven Intervalle Quinte und Tritonus rankt: oktavierte Tonwiederholungen zwischen Es/E-A, in repetitive Muster gezwängt, aber dann doch sich befreiend und in andere Linien und Kombinationen sich ausweitend.

Da entlädt jemand seinen ganzen Schmerz, seine Energien bäumen sich auf gegen ein Gesetz, suchen Auswege, Schlupflöcher, finden sie. Das Orchester entwickelt in langen Ketten abwärtsführender gebrochener Akkorde die Kategorien von „pathe“ – von Leid und Schmerz; eine ungeheuer Variante Verflechtung von Septim-Intervallen (A-H/B-H) des Solisten führt in die „hedone“ Lust einer Solo-Violine; ein fließender Orchestersatz über die Halbtonkette C-H-B-A erzeugt eine „metakosmia“-Welt; ein rasanter Dialog auf der Basis E/Es-B, der Spannung wieder zwischen Quint und Tritonus, spiegelt eine Gegenwelt wider: Mit der Überwindung der anfänglichen Einengung weicht die Kraft der Spannung. Das Energiegesetz umgewandelt über das griechische Philosophem des Epikur in einen fast programmatischen klanglichen Ablauf: „ataraxia“ verlangt vom Pianisten nicht nur äußerste technische Brillanz und Virtuosität, sondern auch die geistige Kraft, sich diesem Mythos anzuvertrauen von der Götter- und Menschenwelt, zwischen denen sich die metakosmia (in homogenen Klängen und „so gebunden wie möglich“ darzustellen) befindet. Darüber hinaus aber muß er die Strukturkenntnisse besitzen und doch vergessen lassen, daß da ein Eulersches Quadrat die Tonfolge lieferte, ein „Sieb des Eratosthenes“ sie reduzierte; schließlich hat er zu zeigen, daß die Ataraxie, die Unerschütterlichkeit und die dadurch bedingte Schmerzfreiheit laut Epikur „Lustzustände“ sind – James Clapperton und dem Sinfonieorchester des Südwestfunks unter Ingo Metzmacher zuzuhören, ist bereits ein solcher Lustzustand.

Was ist ein Klavier? Conlon Nancarrow, der Mann aus Arkansas, der in einer mexikanischen Abgeschiedenheit lebt, erinnert sich lediglich des mechanischen Instruments: In der Kneipe löste der Einwurf einer Geldmünze den Apparat aus, und eine Lochstreifen-Bahn steuerte die vollmechanische Musikerzeugung, die Ersatzkunst, den Kunstersatz. Er, der seine Distanz zum europäisch-abendländischen Kulturhabitus in ungewöhnlichen, fast exzentrischen Arbeiten auskomponiert, stanzt für seine „Studies“ eine Rhythmik und Metrik in die Walzen, die nicht mehr unserer tradierten Zweier- oder Dreierunterteilung (Ganze, Halbe, Viertel, Achtel oder deren Triolen) folgt, sondern den Takt beliebig teilt. Die so gebildeten Linien gegeneinander zu setzen, verlangte von einem Pianisten ein nahezu unmenschliches Zeitbewußtsein – welches der Automat mühelos liefert.