Scheinbar gesündere Lebensmittel werden bei den Amerikanern beliebter

Der Braten schimmert seltsam weiß, und der erste Biß bestätigt die Befürchtung – der Truthahn schmeckt nach nichts. Im Restaurant in Los Angeles erklärt der Kellner dem enttäuschten ausländischen Gast, was ein Amerikaner längst geahnt hätte: Auf dem Teller liegt ein low-fat-turkey, ein fettarmer Truthahn. Das Fleisch des Federviehs, von Natur aus mager, wurde künstlich weiter entfettet.

Das geschärfte Gesundheitsbewußtsein vieler Amerikaner verändert deren Ernährungsgewohnheiten. Essen macht nicht nur satt, der Speiseplan ist gleichzeitig Gesundheitsprogramm. So wie in der Bundesrepublik den Waschmitteln Phosphate oder den Spraydosen FCKW entzogen werden, verbannen die Nahrungsmittelhersteller für den amerikanischen Markt jene Stoffe aus ihren Produkten, die Ursache vieler Herz-Kreislauf-Beschwerden sein sollen: Fett und Cholesterin. Mit Adjektiven wie fettarm, fettfrei oder cholesterinfrei lassen sich heute viele Lebensmittel besser verkaufen.

Um die Konsumenten für die magere Reformkost zu begeistern, investiert die Nahrungsmittelbranche jährlich rund eine Milliarde Dollar, immerhin dreißig Prozent ihres gesamten Werbeetats. Mancher Spruch gerät indes zu reiner Schönfärberei. Wenn die Firma Kraft, größter Nahrungsmittelkonzern der Vereinigten Staaten, in landesweiten Fernsehkampagnen ihre neue Mayonnaise als cholesterinfrei anpreist, dann ist das zwar nicht gelogen, gleichwohl aber keine kulinarische Revolution. Der Cholesteringehalt in herkömmlicher Mayonnaise ist nämlich sehr gering, im Gegensatz zum hohen Fettanteil, der jedoch auch im neuen Produkt gleich bleibt. Beim Olivenöl führen die Hersteller ihre Kunden mit der Vokabel light in die Irre. Leichter ist meist nur der Geschmack und heller die Farbe, während die Kalorienzahl kaum, reduziert wird. Das frozen yogurt, das an Kaliforniens Stränden das gewöhnliche Speiseeis verdrängt hat, ist fast ausnahmslos als fettarmes, allerdings keineswegs zuckerarmes Naschwerk zu schlecken.

Herauszufinden, ob die Mahlzeit tatsächlich gesünder ist, stellt selbst aufgeklärte Konsumenten vor eine schier unlösbare Aufgabe. Ernährungswissenschaftliche Forschungen bringen die unterschiedlichsten Ergebnisse hervor, widersprechen einander zuweilen gar. Lange Zeit etwa rieten Experten zu Diätkuren mit mehrfach ungesättigten Fetten, bis Forscher befanden, diese vergrößerten das Krebsrisiko. Ballaststoffe galten über Jahre als völlig nutzlos, dann hieß es, sie regen die Verdauung an.

Im Kampf um die wachsende Schar der Fitneßfreaks erleichtern Firmen ihr Essen nicht nur um vermeintlich Überflüssiges. Sie reichern es auch mit Stoffen an, von denen die Wissenschaft annimmt, sie würden das Wohlbefinden fördern. Vor einigen Jahren mixten Getränkehersteller auf Anraten der Marketingabteilungen wo immer möglich Kalzium hinein. Es sollte die Knochen der Konsumenten stärken. Jetzt wird dem Hafer auf dem Eßtisch zur Karriere verholfen. Wissenschaftler vermuten, daß er ungeschält den Cholesterinspiegel im Blut senkt und damit das Risiko einer Herzattacke verringern kann. Sogar den Kartoffelchips, von Amerikanern gern als komplette Mahlzeit verzehrt, werden nun Haferflocken beigemengt. Daß die Cracker freilich weiterhin extrem fetthaltig und salzig sind, daran ändert auch die plakative Aufschrift With Oat Bran“ (mit Haferflocken) nichts. Um von der minimalen Dosis Haferflocken zu profitieren, müßte man so viele Chips essen, daß dies gänzlich ungesund wäre.

Doch die Amerikaner ficht das nicht an: Einer Umfrage der Werbeagentur Lemper zufolge würden 74 Prozent der Pepsi-Trinker zu Coca-Cola wechseln, enthielte die Coke Haferflocken. Detlef Hacke