Test the west

Herta Müllers Prosa „Reisende auf einem Bein" Von Günter Franzen

meine nun auch der Madonna von Nitzkydorf, gestern noch gebenedeit unter den Weibern mch Erscheinen von „Barfüßiger Februar", eine letzte Warnung zu: Sie habe „den Tod allzu häufig im Munde geführt" und sich damit „gegen ein ungeschriebenes Gesetz versündigt", ihr „Zug ins Lyrische", unter den dramatischen Umständen ihrer bisherigen Existenz durchaus rühmenswert, berge beträchtliche Gefahren, die Grenze zum Kunstgewerblichen sei erreicht. Das schwankende Bild, das der geneigte Kritiker von Herta Müller entwirft, hat wie jede Erfindung etwas Zwingendes: Was sich dem Entwurf fügt, dient der Bereicherung des kritischen Selbst, was das Bild trübt, verfällt der Entwertung.

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Irene, das literarische Alter ego der Herta Müller, ahnt, was ihr blüht, wenn erst die Phase der Ikonisierung vorüber ist:

„An einem Sonntagnachmittag war die Straße leer wie eine Kirche. Vor einem Toreingang spielten Kinder. Irene konnte nicht ausweichen und hatte das Gefühl, eine verbotene Stelle zu betreten. Die Kinder spielten wie stumme Figuren. Irene ging rasch. Spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.

Nutte, sagte der Junge. Zwei Mädchen hoben ihre Puppen vor das Gesicht und lachten.

In dieser Nacht [...] hingen an den Wänden Bilder in schwarzen Rahmen. Viele Rahmen und viel zu viele Abbildungen in einem Rahmen. Es waren Meerestiere, schwarz-weiß, so dicht gedrängt, wie aufeinander losgelassen mit gezackten Scheren und gefiederten Zangen."

Romantische Anwandlungen? Die Phantasie, nach Manier eines Ritters der Tafelrunde hoch zu Roß über den Buchrücken einherzusprengen und die hohe Vrouwe im letzten Augenblick vor dem Zugriff des durch Herrn Ulrich Weinzierl verkörperten Drachen, der wiederum für die ganze böse kapitalistische Kulturindustrie steht, zu bewahren, gründet nach reiflicher Überlegung wohl doch nicht allein auf der flüchtigen medialen Begegnung mit der Autorin. Wenn es aber nicht deren blaue Augen sind, die meine peinlichen Rettungswünsche befördern, kann die Liebe eigentlich nur dem Produkt gelten: ihrer Literatur, ihrer Sprache.

Aus der Floskel, nach der die Kritik nicht von der Subjektivität des Kritikers zu trennen sei, baute ich mir gern eine kategorial gesicherte Eselsbrücke, auf der die Flucht ins Reich objektiver Kriterien gelänge. Als seriösem Liebhaber geriete mir die Verneigung vor der Literatur sicher zur Darbietung meiner edelsten Motive. Dabei kann ich einem Text auf der Theaterbühne des Bewußtseins tausendmal versichern, ihn als kafkaesk, faustisch oder genial anzubeten; irgendwann, spätestens im intimen Augenblick der Lektüre, muß ich ihm doch gestehen, daß ich ihn nicht um seiner selbst, seiner kanonisierten inneren Werte, sondern lediglich um des erinnerten Entzückens willen liebe* das er in mir wachzurufen vermag: „Der lange Gang mit dem wilden Wein, die Tintentrauben kochen unter ihrer hauchdünnen Haut in der Sonne. Ich backe Sandkuchen, ich zerreibe Ziegelsteine zu rotem Paprika, ich schürfe mir die Haut an den Handgelenken ab. Es brennt bis in die Knochen."

„Niederungen", blutig-idyllische Szenen aus der seit Beginn des 19. Jahrhunderts stillgelegten, zwischen faschistischer Erlösung und stalinistischem Elend oszillierenden Heimat, begründeten das literarische Ansehen Herta Müllers: „Wir sind stolz auf unsere Gemeinde. Unsere Tüchtigkeit bewahrt uns vor dem Untergang. Wir lassen uns nicht beschimpfen, sagte er. Wir lassen uns nicht verleumden. Im Namen unserer deutschen Gemeinde wirst du zum Tode verurteilt. Alle richteten ihre Gewehre auf mich. In meinem Kopf war ein ohrenbetäubender Knall. Ich fiel um und erreichte den Boden nicht. Ich blieb quer über ihren Köpfen in der Luft liegen. Leise stieß ich die Türen auf."

Das nostalgische Behagen des aufgeklärten Lesers, angesichts des musealen Treibens einer entlegenen Landsmannschaft in einem abgeschlossenen Kapitel der Geschichte zu blättern, beruht auf der Illusion eines vermeintlich sicheren Abstandes zwischen Provinz und Metropole, Vergangenheit und Gegenwart, imaginierter und materieller Realität. Das „versunken Deutsche" rühre an, notierte F.C. Delius nach einer Reise durch das Banat im Spiegel, aber statt sich zu fragen, wie versunken das an der Windschutzscheibe vorbeihuschende, mörderisch beschränkte Deutschtum denn nun wirklich sei, dachte er vorsichtshalber über das nach, was in den Köpfen der zurückgebliebenen Kleinstadtbewohner, in deren Haut er Gott sei Dank nicht mehr steckte, wohl vorgehen mochte.

Diese Sicht teilt der Balkanreisende mit all den kleinen Menschen, die aus den kleinen Häusern in jenen kleinen Städten stammen, aus und vor denen wir uns in Sicherheit gebracht zu haben glauben: Nachkriegsbeschädigte, die Ende der sechziger Jahre aus fachwerkvernagelten Flecken, die Butzbach, Iserlohn, Northeim, Königswinter oder Waldkappel heißen, in die Hochburgen der Aufklärung flohen und heute erleichtert auf die Überholspur wechseln, wenn die Geburtsorte auf blauen Ausfahrtschildern zu erholsamer Rast und stiller Einkehr mahnen.

Dem Diktum Walter Benjamins folgend, wonach die deutschen Verhältnisse sich unter dem Niveau der Geschichte befänden, hat Herta Müller in programmatischen Äußerungen keinen Hehl daraus gemacht, daß sie sich durch den Ortswechsel der Vergangenheit nicht entronnen glaubt und deshalb die in den „Niederungen" gewählte Erzählperspektive in „Reisende auf einem Bein" beibehalten will: „Wenn ich in eine fremde Umgebung komme, halte ich es nicht aus, mich ständig im Zentrum oder in der Mitte einer Stadt zu bewegen, wo die Leute ein gewisses Lebensniveau vortäuschen. Ich fahre an den Stadtrand oder in kleine enge Straßen, wo das Lebensbild sofort ein anderes ist. Dann sehe ich immer nur, daß das Zentrum das künstliche ist, hinter dem sich die Misere verbirgt. Das geht mir überall so."

Irene gibt den alten Ängsten die Worte von heute und geht als ewige Zwölfjährige noch einmal „zwischen den Hälsen der Gänse" durch die Hinterhöfe der schönen neuen Welt. Sie übersieht die großspurigen Autobahnen, die perfekt könturierte Skyline, die überwältigenden Landschaften; hat keine Augen für die fröhlichen Kinder, die therapeutisch aufgeräumten Erwachsenen, die reich sortierten Geschäfte und die TÜV-geprüften Abenteuerspielplätze und während, um einen prätentiösen Antipoden zu zitieren, „Der junge Mann" des Botho Strauß angesichts der „Fülle des Wissens und Empfindens, der Begegnungen und der Lebensformen, der Pakte und der Unterschiede" ins Schwärmen gerät und sich „am Ende einer doch glücklichen Periode deutscher Geschichte" von einem „tiefen Gefühl der Genugtuung und Zugehörigkeit" durchdrungen weiß, will das rumänische Aschenputtel am Heiligen Abend noch nicht einmal zur Christmette antreten: „Weihnachten, dachte Irene. Es war, wie wenn man Eingeweide über Tannen hängt."

Irene erweist sich als undankbarer Gast. Statt demütig wiederzukäuen, was von den Tischen der Reichen fällt, durchbricht sie die Regeln der gepflegten Konversation, indem sie verstummt und den Gastgeber so lange anstarrt, bis jener von Enzensberger als „peinlich" klassifizierte Augenblick des Schweigens entsteht, hinter dem das Unbekannte lauert. Was wird geschehen? An Irene gelingt es Herta Müller, jene Menschen, denen es am leichtesten gelingt, dieses Unbehagen zu provozieren, das garstige Kind und die übelwollende Frau, in einer Figur zusammenzufügen. Die Lektüre der „Reisenden auf einem Bein" ist eine einzige Verkettung unbehaglicher Augenblicke, weil dem Leser die Vorführung einer Gegenwart zugemutet wird, die sich wie eine Strafexpedition in die lebensgeschichtlich längst bewältigten frühen Fünfziger ausnimmt.

Man wird in einen Secondhandladen abkommandiert. Hier hängen Kolonnen von Hemden, Jacken und Hosen. Einer Käuferin, die sich im Spiegel ansieht, schlagen die Jahre ins Gesicht: „In ihrem Nasenflügel glitzerte ein Steinchen. Die Löcher in ihrem pinkroten Haar waren so tief, daß ihre Kopfhaut wie eine Wunde aussah." Die Metallknöpfe und Schnallen der im Hinterraum hängenden Mäntel sich mit Grünspan überzogen. Die Mäntel haben Kriege überlebt: „Kleiderbügel wie Schultern. Das Tuch war hart .. . Das Etikett mit dem Preis rieb der Frau mit dem pinkroten Haar am Nacken. Es sah aus wie eine Feldpostkarte."

Kaum bin ich der Szene entronnen, sitzt Irene im Flugzeug und mustert einen älteren Mann, der einen dicken Goldring am kleinen Finger trägt. Sie stellt sich vor, daß sich der Mann vor ihren Augen auszieht, auf penible Weise seiner Oberbekleidung entledigt, Unterhose und Socken unter den Stuhl fallen läßt, sich dem Bett nähert und merkt, daß er vergessen hat, die Brille abzunehmen. Sie stellt sich vor, daß er diese Vergeßlichkeit benutzt, um den Goldring vom Finger zu ziehen, ihn neben der Brille auf den Tisch zu legen, und hört sich sagen: „Der Goldring muß dabei sein, wenn du das tust."

In der U-Bahn stößt Irene auf einen alten und einen jungen Mann, Vater und Sohn. Der Vater legt den Kopf auf die Schulter des Sohnes, der ihn ermahnt, jetzt nicht zu schlafen und beginnt, ein Ei zu schälen, mit dem er den Vater füttern will: „Als das Ei nackt war, steckte er die Schalen in die Rocktasche, als wäre er gewohnt überall zu essen. Das Ei war ihm lästig. Er hielt es vor das Gesicht des Vaters. Der Vater war ihm lästig. Ich kann nicht essen, sagte der Vater, hörst du, ich kann jetzt nicht essen. Er öffnete die Augen nicht, als er das sagte. Nur schlafen kannst du, mein Gott, nur schlafen. Der Sohn ließ das nackte Ei in die Tüte fallen: Ich laß dich hier, ich laß dich hier sitzen."

Vermoderte Militärmäntel, verleugnete Eheringe, der Geruch hartgekochter Eier: Aus dem Arsenal der Geschichte kriechen tote, abgelebte Dinge, die, eingebettet in einen schäbigen Alltag, unter dem Blick der Protagonistin furchtbare Urständ feiern. Sind das ästhetisch gelungene Momentaufnahmen bundesregublikanischer Realität?

Die magische Beschwörung der Provinz als andauerndem psychosozialen Zustand beleidigt den Leser, der sich auf der Höhe der Zeit wähnt, in der er lebt, getragen von der allgemeinen Erwartung eines zukünftig noch größeren deutschen Glanzes. Irenes Westen leuchtet nicht. Sie ist mit der Passivität der Randständigen geschlagen, hier wie dort, in Kreuzberg und in Nitzkydorf. In Irenes kindlicher Wut über den Verlust eines imaginierten ursprünglichen Glücks liegt die Quelle ihres Beobachtungsvermögens: 'Wie im Märchen der böse Blick der Hexe die zu Strafenden in Schweine und Esel verzaubern kann, läßt Herta Müller das aufgeblähte Exterieur der Gesellschaft schrumpfen, bis das archaische Fundament sichtbar wird.

Für die Ausgeschlossene gibt es keine Revolte, deshalb äußert sich ihre Bosheit nicht in Taten. Beobachten heißt: den Gang der Dinge mit der Vollstreckung eines Urteils beauftragen, das insgeheim längst gefällt ist. „Wenn man sich an einen gewissen Punkt des Schauens und Zuhörens gewagt hat, kann man nicht mehr zurück. Man kann sich höchstens immer weiter nach vorne drücken. Man kann immer nur nach vorn schauen, das heißt hinunter ... in den Abgrund."

■ Herta Müller:

Reisende auf einem Bein

Rotbuch Verlag, Berlin 1989; 168 S., 28,- DM

9 Fortsetzung von Seite 15

Anna Seghers, Willi Bredel bis Bodo Uhse . . . blieben stumm. Ihre Gesichter wurden fahl. Anders reagierten Eduard von Schitzler, Bernd von Kügelgen, Dr. Günter Kertscher. Sie stießen sich gegenseitig an und trommelten mit den Fäusten auf die Tischplatten. Wie wildgewordene Studenten nach einer wohlgefälligen Vorlesung."

Johannes R. Becher, von Janka in der Minute seiner Verhaftung durch Stasi-Bullen aus dem Verlagsbüro angerufen, hatte von Beginn an ein Beispiel sozialistischer Moral gegeben: „Der Minister läßt die Herren fragen, ob sie Bedenken gegen sein Erscheinen haben", ließ er die Sekretärin ausrichten, als ginge es um eine Cognac-Bestellung; „die Herren" der Stasi hatten —. Der Minister erschien nicht und distanzierte sich umgehend von Janka.

Am schlimmsten offenbar Wolfgang Harich, Mitarbeiter des Aufbau-Verlages und genauer Kenner von Werk und Person Georg Lukäcs'. Bis dato — seit Jahren — kursierten Gerüchte über seine entsetzlich-klägliche Rolle, mal war es ein Nebensatz von Wolf Biermann, mal eine Bemerkung von Erich Loest. Hier sind (meines Wissens erstmals) auszugsweise die Protokolle veröffentlicht, wie er (der kurz zuvor verhaftet worden war) seine Mitangeklagten belastete; „hemmungslos", schreibt Walter Janka. Er war nicht nur ein verräterischer Belastungszeuge, sondern ein sich makaber Krümmender vor den Häschern: „.. . ich möchte meinen Dank abstatten, und zwar an die Staatssicherheit der DDR . . . und ich habe da die Feststellung gemacht, sie sind sehr korrekt und anständig . . . ich war nämlich nicht mehr aufzuhalten. Ich war ein politisch durchgebranntes Pferd, das mit Zurufen nicht mehr aufzuhalten war . . . Wenn man mich nicht festgenommen hätte, dann wäre ich heute nicht reif für die zehn Jahre, die der Herr Generalstaatsanwalt beantragt hat, sondern für den Galgen, und deshalb sage ich . . . der Staatssicherheit dafür, für deren Wachsamkeit, meinen Dank." Das muß man nicht mehr kommentieren.

Auch Walter Janka kommentiert wenig. Er berichtet — todtraurig. Über den kleinen Verrat — dort die rasch entfernte Widmung für Räkosi in einem Anna-Seghers-Buch und ihre Denunziation des Altkommunisten Paul Merker; da Bechers Schweigen zu den Todesurteilen im Slansky-Prozeß. Hier liegt wohl die Traurigkeit Walter Jankas über den „großen Verrat": daß bewährte Antifaschisten Taten und Untaten deckten, mit ihrem Namen schmückten und es sich in Villen und Limousinen und reservierten Landsitzen bequem machten, derweil geschah, was sie ansonsten so genau zu bekämpfen wußten: „Als Dichter wäre Becher groß genug gewesen, um spätestens nach dem XX. Parteitag der KPdSU die Stimme gegen Unrecht zu erheben ... In seinen Schriften war er schonungslos gegen jene zu Felde gezogen, die sich in der Nazizeit angepaßt, gegen Terror blind oder taub gestellt haben. Das war verdienstvoll. Nachdem er aber selbst Gelegenheit fand, seine Macht gegen Unrecht einzusetzen, widerfuhr ihm, trotz aller Unterschiede, Gleiches. Mehr noch. Er nahm Ungesetzlichkeiten auch nach dem XX. Parteitag widerstandslos hin."

Insofern ist dieser schmale Band weit mehr als ein „Bericht", erschütternd genug. Er formuliert, auf 110 Seiten, die eine große Frage: Kann man das alles abbuchen als „kleine Fehler einer an sich guten Sache" ? Walter Janka — noch heute Bürger der DDR — drückt sich nicht davor, am Ende seines Weges seine grundsätzliche Ungewißheit an eben dieser „Sache" zu formulieren: „Die endlose Einsamkeit zwang Janka, darüber nachzudenken, ob er seiner Partei noch folgen kann, die ihn zu einem so unwürdigen Leben verurteilte. Bis er darauf Antworten fand, war ein langer Streit mit sich selbst auszutragen. Er begann, Gott und die Welt zu verfluchen. Nie zuvor, auch in der Nazizeit nicht, war er so verbittert wie in dieser elenden Zelle, in der er täglich vierundzwanzig Stunden über seine Vergangenheit und Zukunft nachdenken mußte. Er wollte und konnte nicht begreifen, warum sie ihn so behandelten. Er hätte es auch dann nicht begriffen, wenn er schuldig gewesen wäre. Tausend Fragen drängten sich ihm auf. Das ganze Gebäude seiner so fest gefügten Gedankenwelt brach in sich zusammen. Er stand vor einem wüsten Trümmerhaufen. Wie nach einem verlorenen Krieg. Aufgeben oder neu beginnen. Das war die Frage. Und sie blieb es bis zum letzten Tag."

■ Walter Janka:

Schwierigkeiten mit der Wahrheit

Essay; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1989; 122 S., 10,- DM

Eine Föderation von Bundesgenossen ungleichen Rechts" nannte der Staatsrechtler und Historiker Samuel von Pufendorf das Reich 1667, nicht ganz zwei Jahrzehnte nach dem hart erkämpften Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg mit Verträgen zwischen dem Kaiser, Frankreich und Schweden beendete.

Pufendorf schrieb unter dem Pseudonym eines Herrn von Monzambo aus Verona, vermutlich weil er fürchtete, sein Traktat über den Zustand des Deutschen Reiches könnte ihm Unannehmlichkeiten an der Heidelberger Universität, wo er einen Lehrstuhl für Naturrecht innehatte, und den Vorwurf mangelnder Distanz einbringen. Die kaiserliche Zensur verbot denn auch sogleich die Schrift, was ihrer Verbreitung außerhalb der Reichweite der neuen politischen Zensur, die die soeben überwundene konfessionelle ablöste, überaus zuträglich war.

Es sei erstaunlich, war zu lesen, „wie dieses Land so große Schäden überstehen konnte, obwohl dreißig Jahre lang Einheimische und Fremde an seinem Untergang gearbeitet haben". Pufendorf sah in dem „irregulären und einem Monstrum ähnlichen" Reich eine „disharmonische" Staatsform, nicht mehr Monarchie und noch nicht Föderation mehrerer Staaten.

Staatenbund oder Monarchie — der labile staatsrechtlich-völkerrechtliche Zwischenzustand, wie die Verträge ihn manifestierten, erlaubte dem föderativen Element kräftige Entwicklung, ohne dem territorialen Egoismus, der nach der Lehre von Thomas Hobbes zum Krieg aller gegen alle führt, freien Lauf zu lassen. Daß ein Gelehrter von Einfluß dieser Möglichkeit reale Entscheidung abverlangte, erbitterte Kaiser und Verfechter übergeordneter Krongewalt außerordentlich. Und doch hatte Pufendorf nichts Neues gesagt, sondern nur benannt, was konfessionelle, kulturelle wirtschaftliche und mentale Veränderungen seit dem Friedensschluß nahelegten. Dabei sollte das Reich seine Funktion als zusammenhaltendes Band durchaus beweisen.

Ein „verwinkelter, unübersichtlicher, aber widerstandsfähiger Bau, dessen Dach ein Mindestmaß an Schutz und Sicherheit bot", ist das Heilige Römische Reich Deutscher Nation dem heutigen Betrachter, dem Historiker Heinz Schilling in seinen beiden Bänden in der Reihe „Das Reich und die Deutschen". Die Lebensbedingungen im vornationalstaatlichen Reich mit seinen Einzelstaaten und unterschiedlichen Völkern, Religionen, Sprachen und Mentalitäten scheinen unlösbar mit jener merkwürdig starken, gleichwohl verletzlichen, Schutz bietenden und doch mißbrauchten, von jeher mythisierten Institution Reich verknüpft.

Wie Hans K. Schulze und Hartmut Boockmann in den vorauf gegangenen Bänden dieser Reihe „Deutsche Geschichte" deutlich machten, handelte es sich von Anfang an um ein höchst kompliziertes Gebilde, das — immer noch vom Lehnswesen geprägt — in seinen besten Zeiten der Existenz verschiedenartiger Völker und Interessen Rechnung trug und in den zunehmend schlechteren ein Koloß an Unbeweglichkeit war. Flickenteppich oder Großfläche scheint die Alternative immer wieder zu sein; in beiden Fällen hatten die Bewohner der staatlich gefaßten Landstriche unter herrschaftlichem Machtstreben, institutioneller Gewalt und Einschränkung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten zu leiden.

Auf ungemein lebendige Weise führt Heinz Schilling, Professor für neuere Geschichte an der Universität Gießen, die Zeit zwischen Reformation und Französischer Revolution vor Augen. Standen bisher für diese Frühneuzeit Konfessionsgeschichte und die großen Mächte im Vordergrund, so lenkt die neuere Geschichtsschreibung den Blick auf gesellschaftliche, kulturelle und ökonomische Entwicklungen, auf Lebensform und Mentalität.

Im ersten Band geht es um die frühmoderne Staatsbildung, „die in den meisten europäischen Ländern Nationalstaatsbildung, in Deutschland dagegen Territorialstaatsbildung unter dem Dach eines vorstaatlichen Reiches war". Erzählt wird dann von den Tausenden europäischer Schiffe, die im 16. Jahrhundert den Ozean überquerten, von der Preisentwicklung auf den Märkten, von wandernden Handwerksburschen und der Erziehung eines Bauernkindes, von Buchdruck und Städtebau, Ritterturnieren und Ideenkämpfen und von Angst und Endzeiterwartung in einer Phase europäischer ökonomischer und demographischer Stagnation im 17. Jahrhundert. Luther, Calvin, Zwingli und die Theologen der katholischen Reaktion prägten auch die politischen Mentalitäten, nicht nur im calvinisch-niederländischen und katholisch-spanischen Einflußbereich. Die Toleranz des Kurfürsten von Brandenburg holte mit den Flüchtlingen neue Anregung ins Land, aber auch

Feindseligkeiten, die die unerbittliche Konfrontation der Konfessionen und die wirtschaftliche und machtpolitische Konkurrenz verstärkten. Überall neben dem, was gemeinhin „Aufschwung" und „Aufbruch" heißt, bitterste Not: Hunger, Seuchen, Auszug aus den gewohnten Lebensräumen, Bettlertum und Kriminalität. Theologen kündeten die Endzeit an, nach dem Wort des Jesaja, der weissagte, daß „in diesen letzten Zeiten die Wölfe bei den Schafen wohnen werden".

Schilling beschreibt dieses Geflecht von Einflüssen in den Herausforderungen und Spannungen, die das Alte Reich und die Entwicklung frühmoderner Staaten darstellten. Er bezeichnet die Verfassungsfrage, Reformation, Mächteeuropa und Anpassung an die frühmoderne atlantische Weltwirtschaft als kontinuierliche Begleiter. Bevölkerungswachstum und Konjunktur erscheinen im Zusammenhang europäischer Kommunikationen, die nicht zuletzt durch die türkische Herausforderung bestimmt waren.

„Wie war es zu dieser tiefen Verunsicherung der Menschen gekommen? Hatten die Befürchtungen und Ängste einen wirklichen Grund, oder entsprangen sie allein den Hirnen fanatischer Ideologen? Wie richteten sich einzelne und die Gesellschaft in der wieder unbehausten Welt ein? Wie reagierten sie auf die neuen Seelennöte?"

Nicht nur die als Unheilsboten angesehenen Kometen ließen die Menschen gen Himmel blikken. Die Suche nach Antwort machte sie offen für Erklärungen, aber auch für Selbstgerechtigkeit und Abwehr des Fremden. Man suchte Schuldige und fand sie in den Juden, Ketzern, der Zauberei und Hexerei Verdächtigten. Während Bürokratie und institutionelle Etablierung territorialer Staatlichkeit rationale Grundlagen entwickelten und das Geld als abstrakte Größe seine mächtige Rolle zu spielen begann, trieben Irrationalität und Emotionen schreckliche Blüten bis in den grausamen langen europäischen Krieg hinein.

„Nur in einer europäischen Friedensordnung konnte Deutschland zur Ruhe kommen", schreibt Schilling am Ende des ersten Bandes. In Wort und Bild ist deutlich geworden, wie stark die Verquikkung war und wie mühsam die Pfade des Historikers, den dargestellten Träwenbrücken an den Felsabhängen von Gebirgen entlang, mauleselbepackt mit gewichtigem Gut und lebensnotwendigem „Krimskrams", wie der französische Historiker Lucien Febvre das zu erforschende Material nannte. Zwischen der Wallfahrtsfreudigkeit der Katholiken in der barocken Heiterkeit repräsentativer Kirchen und der kargen Wortfrömmigkeit der Protestanten, denen Musik zum vergeistigten Ausdruck sinnlichen Daseins wurde, können auch viele Schlachten mit stehenden Heeren, ein aus ritterlichem Geist erwachsenes Offizierskorps, „Diener des Staates unter dem leitenden Oberbefehl eines höchsten Kriegsherrn", die Lanzenquadrate der modernen spanischen Infanterie, Belagerungsund Stellungskrieg, Bomben und Schwergeschütze keine Einigung bringen.

Elend, Tod, Plünderung, Intrigen — alle Beteiligten wüßten davon zu erzählen. Die Verkehrswege zwischen Prag und Stockholm sahen nicht nur militärische Fracht, sondern auch „Trecks von Planwagen voller Kunstgegenstände, Schmuck, kostbarer Waffen, Möbel und anderer Luxusartikel". Als der Frieden endlich geschlossen war, sahen sich Kaiser und Reichsstände in einem europäischen Bündnis verpflichtet.

Das Zeitalter der Allianzen und der Diplomatie brach an. Die Fürstenstaaten schienen dazu besser gerüstet als das Reich. Philippe de Commynes, burgundischer Historiograph, der in einem opportunen Moment seinen Herrn, Karl den Kühnen, verließ, um dessen Gegner, dem französischen König Ludwig XL, zu dienen, hat in seinen um 1491 geschriebenen Memoiren die Bedeutung der Diplomatie gegenüber den Kriegen vorausgesagt. Die zu damaliger Zeit gepriesene neue Beweglichkeit auf dem Schlachtfeld ist nichts im Vergleich mit der Elastizität, der Reaktionsfähigkeit und der Effizienz von Verhandlungen, die zu Bündnissen und verbindlichen Abmachungen führen und so den Krieg vermeiden.

Commynes' frühe Ratschläge sind weniger rational und institutionalisierbar als Machiavellis Machtgebäude, sie rechnen mit menschlicher Bosheit und Geltungssucht, mit Gemeinheit, Intrige und Dummheit. „Zwei Fürsten sollten sich niemals sehen", heißt es mehrmals, sie sollten ihre Unterhändler schicken und Distanz halten.

Schillings zweiter Band berichtet von diesem Problem, vor allem in der Geschichte des Siebenjährigen Krieges. Die Beziehungen zwischen Friedrich II. von Preußen und Maria Theresia, das Verhältnis europäischer Mächte scheint nur durch das dazwischengespannte Netz diplomatischer Verbindungen erträglich. „Wie die Spinne im Netz" sitzt denn auch in Schillings Erzählung der jeweils Mächtige an seinem Platz.

Dazwischen das Stadtpatriziat, Geistlichkeit und Künstler, Handel und Kolonialpolitik, Aufklärung und Reform, Traditionalismus und neues Denken im Wettstreit an den Universitäten, Seehandel und Konkurrenz auf den Meeren der Welt und die unerhört skrupellose Menschenausbeutung für Geld und Gewinn, die mit Frühkapitalismus nur vage umschrieben ist. Fürsten liehen ihre Soldaten gegen Geld aus, der Landgraf von Hessen schickte Tausende von Soldaten — es sollen an die 1700 gegen Ende des 18. Jahrhunderts gewesen sein — zur Unterstützung der Engländer nach Amerika. „Hessische Soldaten kämpften für Venedig, die Niederlande und Habsburg, gegen Türken und Franzosen, auf dem Balkan, in Sizilien, auf dem Peloponnes und im Reich. Es kümmerte ihre Landesherren wenig, wenn hessische Landeskinder auf beiden Seiten der Fronten standen und aufeinander schössen, wie in den Kämpfen nach der Wahl des Witteisbacherkaisers Karl VII." Der Konfessionenstreit war nach dem Friedensschluß von 1648 nicht beendet. Habsburgerstaat, Katholizismus und Österreich verschmolzen im Bewußtsein der Zeitgenossen bis heute zu einer Einheit, der weder Bewunderung noch Kritik etwas anhaben konnte. Über 100 000 Protestanten, darunter viele Adlige, flohen vor dem Druck der Gegenreformation. Den Übergang von der libertär-protestantischen Ständezur katholisch-absolutistischen Untertanengesellschaft studiert Schilling an den Bildungseinrichtungen, den Lehrinhalten der Universitäten und in den Büchern, deren Kontrolle ja schon lange eingeübt war.

Die Glaubensfrage säumt die Wege aller, und auch die neue Aristokratie absolutistischer Staatlichkeit, deren Verhalten von der Treue zu den Institutionen, die sie schufen, getragen war, hatte dem Rechnung zu tragen. Im Kapitel „Untertanenschaft und Staatselite — das soziale Profil Preußens" treten die divergierenden Kräfte zutage. Preußen habe, sagte der französische Analytiker des Ancien regime Alexis de Tocqueville, einen modernen Kopf und einen altfränkischen Rumpf. Schilling belegt das: Rechtsstaatlichkeit, Verwaltung und Wirtschaft erscheinen in rascher Entwicklung über einer trägen, uninspirierten Mentalität des Beharrens. Wie Junker und Bauern, Bürger und Beamtenadel sich arrangieren, ist spannend zu lesen.

Dieses Deutschland, „das es allenfalls dem Namen nach gab, dessen politischer Mittelpunkt in einem politischen Konstrukt bestand", stellt Schilling von seinen europäischen Bindungen her dar. Die niederländische Perspektive gibt dabei nicht nur Distanz; schließlich begann habsburgische Macht mit der Übernahme des niederländischen Erbes. Mit Recht weist Schilling darauf hin, daß das nationalstaatliche Denken des 19. Jahrhunderts die Geschichtsschreibung lange beherrscht hat. Ihm gilt es, die deutsche Geschichte von Europa her neu zu schreiben und dabei auch die „seelischen Erregungswellen" zu erfassen, um den heutigen Zugang zu den Wurzeln ihrer Geschichte zu ermöglichen, Gegenwart verstehbar zu machen.

Ein wagemutiges Unterfangen, das — wie Hans-Ulrich Wehlers große „Deutsche Gesellschaftsgeschichte" der Nachfolgezeit — viel Hinund Hergerede von Fachkollegen anregen wird. Respekt gebührt der „Darlegung des Erkundeten", die nach Herodot die wichtigste Aufgabe des Historikers ist, der sprachlichen Genauigkeit, dem Sich-Einrichten zwischen dem Eingeständnis subjektiver Betrachtung und traditionellem Objektivitätsanspruch, der Sorgfalt in Quellennachweis, Anmerkung und Literatur, den liebevoll interpretierten Bildern und dem eindrucksvollen Entwurf.

I Heinz Schilling: Aufbruch und Krise. Deutschland 1517 - 1648 Siedler Verlag, Berlin 1988; 508 S., 98, Höfe und Allianzen. Deutschland 1648 - 1763 Siedler Verlag, Berlin 1989; 543 S., 98,- DM

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  • Von Günter Franzen
  • Datum 10.11.1989 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 10.11.1989 Nr. 46
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