Ich habe Marie Marcks autobiographische Aufzeichnungen erst jetzt in die Hand bekommen. Durch Zufall. Nahtlos verfugt sich der erzählende Text mit den Buntstiftzeichnungen, deren Kraft und Detailreichtum ich nicht enträtseln kann. Ich begreife nicht, wie es möglich ist, mit simplem Strich diesen Nuancenreichtum herzustellen. Auf einem winzigen Kindergesicht die minutiös abgestufte Mischung aus Zorn und Angst und Trotz. Dieser Meisterschaft liegt ein Schema zugrunde, absolut originell: Nichts wird doppelt erzählt. Text und Bild ergänzen sich nur insofern, als die Illustration die ganze Wahrheit zeigt, der Text ist nur Passepartout, lenkt den Blick aufs Wesentliche. Ein Beispiel unter Hunderten. Die zehnjährige Marie hopst morgens quietschvergnügt im Bett herum. Die Mutter kommt herein. Text: "Hör auf mit der Hopserei und zieh dich an!" Die Putzfrau in der Tür: "Hitler ist Reichskanzler!" Marie, während die Mutter ihr das Hemd über den Kopf zieht: "Ist das schlimm?" Mutter: "Ja Die Putzfrau hinter der bereits halb geschlossenen Tür schaut so, daß die von jetzt an statthabende Bedrohung für sämtliche Nicht Nazis ein für allemal klar wird.

Was für ein Buch! Aus der eigenen Kindheit kenne ich gleiche Ängste, Unsicherheit, falsche Freuden und richtige Schrecknisse. Das behutsam gelenkte Hereinwachsen in ein erwachendes Bewußtsein durch kluge Eltern. Der schmale Grat, auf dem sich Eltern bewegten, die ihre Kinder liebten, aber deshalb mit der Wahrheit quälend sparsam umgehen mußten. Es ging um Kopf und Kragen. So auf den Punkt gebracht, so erschütternd menschlich erzählt Marie Marcks in ihren Bildgeschichten ein compositum aus Lachen und Weinen. Alles steigt aus diesen Bleistiftzeichnungen und dem handschriftlichen Text direkt in Herz und Verstand. Ein Buch, das ich nicht verleihen werde. Es könnte sein, daß ich es nicht wiederbekomme.

Ein Glücksfall: fünf Jahre nach dem Erscheinen von "Marie, es brennt!" der zweite Teil autobiographischer Erinnerungen von Marie Marcks. Ebenso ehrlich, so menschlich und dabei so souverän in Bild und Text, daß jede aufkeimende Rührseligkeit, die den Leser stellenweise befallen will, entschlossen zurechtgerückt wird.

Der Titel ist programmatisch: Neben den faszinierend einfach (von wegen) erscheinenden bunten Graphiken: fein ziselierte Schwarzweißzeichnungen, Linolschnitte, Federzeichnungen auf Tonpapier, zart und streng zugleich. Die werden von einer ebensolchen Schrift begleitet. Unvermittelt wird das Handschriftliche abgelöst. Versalien, ästhetische Sachlichkeit, ein bißchen Architektenkaligraphie passen auch besser zu den vorsichtig stilisierten Graphiken aus den mittfünfziger Jahren. Marie hats festgestellt, und der Leser sagt "aha" und "natürlich". Marie kann nichts falsch machen bei ihrer Arbeit. Solche Menschen gibt es.

Ihre Arbeitgeber waren da oft andrer Ansicht, Undank war an der Tagesordnung. Und klägliches Salär für die junge Allroundkünstlerin.

Sie läßt sich den Schneid nicht abkaufen, setzt immer neuen Frust in Spektakuläres um: etwa ihre ersten knallengen schwarzen Hosen von "Schack Fatt", anno 53 der Bürgerschreck.

Vergeblich und verfehlt wäre der Versuch, das in diesem Bilderalbum erzählte starke, wilde Leben der Marie Marcks nacherzählen zu wollen. Sie hat es tatsächlich erreicht, ganz und gar Persönliches mitten hineinzuschreiben ins Zeitgeschehen. Und so glaubt der Leser aus der gleichen Generation manchmal, ein eigenes Tagebuch in der Hand zu halten. Marie hat eine Art, beiläufig das Allgemeine und das Besondere zu reflektieren und zu kommentieren, die ganz ohne Prätention ist. Leser können angenehm dazulernen, ohne sich genieren zu müssen, Wichtiges aus den fünfziger und sechziger Jahren vergessen zu haben. Zum Beispiel die Tatsache, daß es schon einmal eine Massenflucht aus der DDR gab: Als Ulbricht am 31. August 1961 die Tür von innen zumachte, hatten fast drei Millionen Menschen ihr Land verlassen. Marie erinnert sich genau und mancher Leser wieder. Ohne Zorn und Eifer läßt die Chronistin ihren pragmatischen Verstand, ihr politisches Urteil einfließen in den Bericht über ein Leben, das so angefüllt ist mit Schwierigkeiten und kaum zu bewältigenden Ereignissen, daß weniger Kraftvolle darüber zu politisch Indolenten geworden wären: fünf Kinder, ewig Miese auf dem Konto, ständiger Standortwechsel, über Kontinente hinweg. Da müssen sich viele Leser schlapp vorkommen. Menschen wie der bezaubernde Onkel Gerhard — oft zitiert — haben allerdings immer geholfen. Aber nur durch Rat und Dasein. Was heißt nur: Untergehen "gildete" einfach nicht in der Familie Marcks.