Das große Warten

ODER: DIE FREIHEIT DES OSTENS Ein Nachruf aufs Leben im Dornröschenschloß / Von Martin Ahrends

„Darin dachte unser Freund Herkules richtiger, der fünfzig Mädchen in einer Nacht für das Heil der Menschheit beschäftigen konnte, und zwar heroische. Er hat auch gearbeitet und viel grimmige Untiere erwürgt, aber das Ziel seiner Laufbahn war doch immer ein edler Müßiggang, und darum ist er auch in den Olymp gekommen. Nicht so dieser Prometheus, der Erfinder der Erziehung und Aufklärung. Von ihm habt ihr es, daß ihr nie ruhig sein könnt und euch immer so treibt; . . ."

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Friedrich Schlegel: „Idylle über den Müßiggang", aus „Lucinde"

Da lagen sie im Staub des Grenzlandes, lagen im Scheinwerferlicht der öffentlichrechtlichen Anstalten, und vor den surrenden Kameras fielen ihnen die großen Gesten ein, die sie aus dem Fernsehen kannten, denn ins Fernsehen sollten sie ja nun auch. Und dann sehen wir, wie der Boden geküßt wird, das arme, zerlatschte Gras: Freiheit!, Freiheit!

Diese Freiheit ist immer anderswo, es ist immer die Freiheit, die man gerne hätte und nie die Freiheit, die man hat. Vielleicht, nach ein paar Jahren, gibt es für sie auch so etwas wie eine Freiheit des Ostens, das Pendant zur West-Freiheit, das ihnen aus verklärender-Erinnerung erblühen wird.

Der hundertjährige Schlaf im Dornröschenschloß, die süßen und argen Träume derer, die da in „notwendigem" Schlummer liegen, in einem Schlummer, an welchem nicht sie selbst, sondern ein allgemeines Gesetz ihres Daseins die Schuld trägt, der Zauber, das System — die also schlummern dürfen, weil sie müssen, die kein schlechtes Gewissen aufschreckt, keine vertane Gelegenheit, die träumen dürfen vom herrlichen Prinzen, der ihnen verheißen ist, während ihnen rings die Welt zuwächst, Rosenlaub alles in gnädigen Dämmer hüllt, was seit Jahrzehnten unerledigt blieb: Abwarten, träumen, Zeit verdösen dürfen — das ist — das war? — die Freiheit des Ostens.

Sie endet, wenn statt des Prinzen und schon im achtundzwanzigsten Jahr irgendein Unbefugter das Licht anknipst und unflätige Bemerkungen macht über den Sauladen, in dem man da hause. Wenn man blinzelnd erwacht und all die Spinnweben wahrnimmt, den zentimeterhohen Staub, die zerschlissnen Tapeten, den bröckelnden Putz.

Die Zeit der Erwartung erscheint nur noch als Müßiggang und Faulenzerei. Man muß aufholen und nachholen, was inzwischen im Westen geschafft wurde. Im nüchternen Licht, das in die Winkel fällt, schämt man sich vor dem Westen, man fährt in schäbigen Karossen, man geht schlicht gekleidet, man ißt Graubrot und Kunsthonig. Das war vordem nicht so wichtig; jetzt ist es beschämend, jetzt, wo nichts Stolzes mehr ist an der Entbehrung, wo nichts Würdiges mehr ist am Mangel. Der lange Weg, scheint es nun, hatte kein Ziel als die Rückkehr an den Ausgangspunkt. Wohlan denn, aufgewacht, Herr König und Frau Königin, Bedienstete und Küchenpersonal; schlag zu, Koch, daß der Faulenzer von Küchenjunge endlich spurt!

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  • Von Martin Ahrends
  • Datum 17.11.1989 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 17.11.1989 Nr. 47
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