/ Von Raimund Hoghe

Ost-Berlin, November 1989. Helga Paris entschuldigt die Unordnung in ihrer Wohnung: „Ich räume auf.“ Im Flur türmen sich aussortierte alte Kleider; im Wohnraum liegen stapelweise Bücher auf dem Boden. Die Schienen für das neue Regal seien schon angebracht, nur die Halterungen für die Bretter fehlten noch, erklärt sie später. Auch der Tisch quillt über: Zeitungen, Papiere, Resolutionen – daneben die Verfassung der DDR. Helga Paris hält sie in der Hand und lächelt. Früher habe man sich ja nicht dafür interessiert, weil es ohne Folgen geblieben wäre, auf den Verfassungstext zu verweisen, aber jetzt sei es wichtig, ihn sehr genau zu kennen. Neu sei auch, daß sie nun jeden Tag anderthalb Stunden Zeitung lese. Ein eben erschienenes Photo-Lese-Buch über die DDR („Schau ins Land“), das auch Bilder von ihr enthält, bleibt in dieser Situation erst einmal unausgepackt auf dem Tisch liegen.

Helga Paris’ Photos erzählen unter anderem vom Alltag. Vom alltäglichen Leben. Von der Sehnsucht und der Angst vor dem eigenen Leben. Von den Spuren gelebten und ungelebten Lebens – zum Beispiel in Halle, wo sie zwischen 1983 und 1985 „Häuser und Gesichter“ aufnahm. „Ich habe Halle photographiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land – versucht, alles, was ich wissen und verstehen könnte, zu vergessen“, schrieb sie damals, und im Vorwort zum Ausstellungskatalog dieser Bilder hieß es: „Wir, die Bewohner, müssen nun die Kraft aufbringen, diese fremde Sicht aufzunehmen, vielleicht sogar, um Schlüsse zu ziehen.“ Doch 1986 konnten sie noch nicht gezogen werden: Katalog und Plakate waren schon gedruckt, als die Ausstellung kurz vor der Eröffnung in Halle verboten wurde. Teile daraus sind zwar mittlerweile zu sehen gewesen, doch vollständig wurde die Serie bisher nicht präsentiert. Und das wolle sie auch nur in Halle, sagt Helga Paris. „Ich will sie gar nicht woanders zeigen – ich will sie den Leuten zeigen, die sie am meisten angeht.“ Die Aufregung und Angst vor den stillen Bildern ist ihr unverständlich: „Es sind harmlose Bilder, nur Gesichter und Häuser – viel Wirbel hat die Ausstellung nur gemacht, weil sie nicht stattgefunden hat.“

Vor einigen Tagen habe sie im Fernsehen gehört, daß ihre Photos nun doch in Halle gezeigt werden sollten. Ein Triumphgefühl vermittelt sich nicht, wenn Helga Paris davon berichtet. So sehr auch sie auf Veränderungen gewartet und nicht nur in ihren Bildern auf die Erstarrung hingewiesen hat: „Es ist beschämend, daß man es auch zugelassen hat. Man schämt sich so für diese Zeit – auch vor den Kindern. Es ging hier nicht um Leben und Tod, sondern um ein bißchen bequemer zu leben oder weniger bequem“, stellt sie nachdenklich fest. Mit Blick auf die Zukunft sagt sie: „Ich will mich nicht mehr schämen müssen.“

Eine Frau hält sich den Spiegel vor, sieht sich an, selbstbewußt und verletzbar, kritisch und nicht ohne Skepsis. In ihren seit 1981 entstandenen Selbstportraits werden Trauer und Enttäuschungen sichtbar, Möglichkeiten und Kraft des einzelnen, abzulesen einem Gesicht und einem Blick, der nichts beschönigt. „Eigentlich“, sagt Helga Paris, „ist Photographieren eine Haltung. Technisch ist es ja überhaupt kein Problem, ein Photo zu machen. Das Wichtigste ist, daß man eine Haltung und eine Meinung hat.“ Wenn jüngere Kollegen oder Studenten sie über ihre Arbeit befragen, spreche sie auch nur wenig über Photographie – „mehr über das Leben will ich ihnen beibringen“.

Helga Paris, 1938 in Pommern geboren, zählt zu den angesehensten Photographinnen der DDR und ist, wie viele Kolleginnen ihrer Generation, Autodidaktin. Nach dem Abitur studierte sie an der Berliner Fachschule für Bekleidung Modegestaltung, arbeitete als Dozentin für Kostümkunde und als Gebrauchsgraphikerin, heiratete und bekam zwei Kinder, die nach der Scheidung bei ihr aufwuchsen. Ein 1967 von dem fünfjährigen Robert und der drei Jahre alten Jenny aufgenommenes Photo wird zum Ausgangspunkt ihrer photographischen Laufbahn – zwei Kinder im Gespräch, im Gegenlicht, am Fenster stehend. Ein befreundeter Dokumentarfilmer habe das Bild gesehen und sie bestärkt weiterzumachen. Ihre erste Reportage macht Helga Paris 1969 bei einem Schlachtfest. Bis heute bewegt sie sich mit ihren Photos zwischen den Polen, entdeckt im Fremden Vertrautes und im Privaten das Allgemeine, hebt die Trennung auf zwischen „persönlicher Gefühlswelt und öffentlichem Gesicht“, wie ein DDR-Kritiker nach ihrer Ende letzten Jahres in Rostock und anschließend in Ost-Berlin gezeigten Werkschau notierte.