Aus dem Französischen von Hans Magnus Enzensberger

Warum habe ich ihn nicht behalten? Er paßte zu mir, ich paßte zu ihm. Er schmiegte sich jeder Wendung meines Körpers an; er hat mich nie gestört; er stand mir so gut, daß ich mich ausnahm wie von Künstlerhand gemalt. Der neue, steif und förmlich, macht mich zur Schneiderpuppe. Kein Bedürfnis, dem der alte nicht entgegengekommen wäre; denn fast nie hat die Armut etwas dagegen, sich nützlich zu zeigen. Lag Staub auf einem Buch, schon bot sich einer seiner Zipfel an, ihn abzuwischen. War mir die Tinte eingetrocknet und wollte nicht mehr aus der Feder fließen, so lieh er mir einen Ärmel: lange schwarze Streifen legten von den häufigen Diensten, die er mir geleistet hat, Zeugnis ab. An diesen Tintenspuren war der Mann der Literatur, der Schriftsteller, der arbeitende Mensch zu erkennen. Und heute? Ich sehe aus wie ein reicher Tagedieb; man sieht mir nicht mehr an, wer ich bin.

Unter seinem Schutz hatte ich weder das Ungeschick des Dieners noch mein eigenes, weder Feuer noch Wasser zu fürchten. Ich war ganz und gar Herr meines alten Hausrocks; ich bin zum Sklaven des neuen geworden.

Der Drache, der das Goldene Vlies zu bewachen hatte, war nicht weniger auf der Hut als ich. Der Gegenstand meiner Sorge hüllt mich ein.

Der Greis, der sich Hals über Kopf in ein junges Mädchen verliebt hat und ihren Launen hilflos ausgeliefert ist, fragt sich den ganzen Tag lang: Wo ist sie geblieben, meine gute alte Haushälterin? Welcher Teufel hat mich geritten, als ich ihr den Laufpaß gab um dieser Verrückten willen? Dann seufzt er; es kommen ihm die Tränen.

Ich seufze nicht, mir kommen keine Tränen; doch immer wieder sage ich mir: Verdammt soll er sein, der Kerl, der auf die Idee gekommen ist, aus einem Stück gewöhnlichen Stoffs eine Kostbarkeit zu machen, indem er ihn scharlachrot färbte! Verfluchtes Luxuskleid, dem ich meine Reverenz erweise! Wo ist er hin, mein bescheidener, mein bequemer Wollfetzen?

Liebe Freunde, haltet an den Freunden fest, die euch geblieben sind. Fürchtet die Schläge des Reichtums! Laßt euch mein Beispiel eine Lehre sein. Die Armut hat ihre Freiheiten, der Reichtum seine Zwänge.