Augsburg

Sonntag vor drei Wochen. Sieben dunkelhäutige Männer klingeln an diesem Morgen bei Stefan Hoiß, Pfarrer der katholischen Gemeinde Sankt Johannes Baptist, und bitten um Hilfe. In gebrochenem Deutsch erläutern die Asylanten aus Bangladesch dem Pfarrer ihre Situation. Von der Abschiebung bedroht, sehen sie nur noch eine Hoffnung: Kirchenasyl.

In seiner Predigt an diesem Sonntag verliest Pfarrer Hoiß seiner Gemeinde den Hirtenbrief des Augsburger Bischofs Josef Stimpfle. Dort heißt es, man möge den vielen Tausenden von DDR-Flüchtlingen aufgeschlossen und hilfsbereit begegnen. Pfarrer Hoiß überträgt diese Botschaft kurzerhand auf die sieben Asylbewerber. „Die Reaktion hat mich überrascht“, sagt Stefan Hoiß in dunklem Bayrisch, „da sind nach dem Gottesdienst an die fünfzig Leute dageblieben und haben überlegt, wie zu helfen sei.“ Noch am gleichen Nachmittag bringen Gemeindemitglieder Matratzen, Decken, Schlafsäcke und Essen in die Pfarrei. Gruppenräume werden leergemacht und zu Schlaflagern umfunktioniert.

Einmal in der Woche treffen sich die Gemeindemitglieder, um die Situation zu diskutieren und Dienste einzuteilen. Die sieben Bengalen sind schüchtern und still. „Ich wollte meine Heimat, meine Frau, meine Eltern nicht verlassen, aber in Bangladesch lief ein Haftbefehl gegen mich, und ich sah keine Zukunft mehr, dort leben zu können.“ Aminuzzaman ist 25 Jahre alt und lebt seit vier Jahren in der Bundesrepublik. Sein Antrag auf Asyl wurde als „offenkundig unbegründet“ abgelehnt. Wie seinen anderen sechs Landsleuten steht ihm die Abschiebung unmittelbar bevor. Aminuzzaman war Ortssekretär der BNP, der Bangladesh National Party, einer der Oppositionsparteien des Landes.

Bei einer Demonstration gegen den Militärdiktator Ershad wurde er gefangengenommen und gefoltert. Bei seiner Freilassung mußte er eine Erklärung unterschreiben, in der er sich verpflichtete, sein politisches Engagement aufzugeben. Nach einer weiteren Verhaftung ging er in den Untergrund. Auch seine Familie wurde verhört und gefoltert. Schließlich gelang es ihm mit Unterstützung seiner Partei und seiner Familie über Ost-Berlin in die Bundesrepublik zu flüchten. Aminuzzaman hat Angst vor der Abschiebung. „Wenn du keine neuen Papiere und damit eine neue Identität hast, schnappen sie dich schon am Flughafen. Dann landest du entweder bei der Polizei oder bei der DFI, der Defence Force Intelligence, von der man weiß, daß sie foltert. Aber auch wenn du Glück hast und durch die Grenzkontrollen kommst, bist du dann eben in deinem Heimatort dran. In Bangladesch werden Regierungsgegner auf offener Straße erschossen. Meine Freunde warnen mich davor, zurückzukehren.“

Der Militärdiktator Ershad kam 1982 durch einen unblutigen Putsch an die Macht in Bangladesch. Bei Demonstrationen gegen das Regime gab es immer wieder Tote und Verletzte. Versuche Ershads, seine Herrschaft durch Wahlen zu legitimieren, endeten in blutigen Auseinandersetzungen. Die Wahlbeteiligung an den letzten Parlamentswahlen im März 1988 lag bei ein bis drei Prozent; die Oppositionsgruppen boykottierten die Abstimmung. Nach Informationen von Amnesty International gibt es deutliche Hinweise auf Folter und Hinrichtungen in den Gefängnissen von Bangladesch. Hadruddin Umar, Vorsitzender des Schriftstellerverbandes von Bangladesch, sp-icht von sechzig Oppositionellen, die allein im ersten Halbjahr 1989 ermordet wurden.

Die deutschen Behörden scheinen diese Berichte zu ignorieren. Die Anerkennungsquote für Asylanten aus Bangladesch liegt quasi bei Null. Asylanträge werden zur Zeit in allen Bundesländern abgelehnt. Die Behörden stützen sich dabei auf die Einschätzung des Auswärtigen Amtes, daß die Situation in Bangladesch keineswegs katastrophal, soidern ohne weiteres zumutbar sei. In der Bundesrepublik warten momentan rund 300 Bengalen auf ihre Abschiebung.