Zwei Filme zum Thema. Den einen kann man sehen – von heute an, in ein paar Großstadtkinos –, den anderen nicht. Der eine wird verliehen, der andere verscharrt. Aber der unsichtbare Film zählt mit, so wie im Kino auch die Pausen zwischen den Einzelbildern mitzählen, vierundzwanzig Dunkelheiten pro Sekunde, die man nicht wahrnimmt. Zwei Filme: zwei Abschiedsblcke auf das Kino.

„Cinema Paradiso“ von Giuseppe Tornatore ist eine Kindergeschichte, ein wenig unbeholfen, ein wenig sentimental. Nachkriegszeit in einer sizilianischen Kleinstadt; ein kleiner Jung; freundet sich mit einem Filmvorführer (Philippe Noiret) an, wird sein Assistent und später, als der Alte bei einem Kinobrand sein Augenlicht verliert, sein Nachfolger. Als Jugendlicher verläßt Salvatore dann das Cinema Paradiso und die Stadt, wird Senator in Rom und kehrt erst nach dreißig Jahren zum Begräbnis seines Freundes nach Giancaldo zurück. Der alte Alfredo hat Salvatore eine Filmrolle hinterlassen, die sich der Senator zu Hause in einem Privatstudio vorführen läßt. Mit diesen Bildern endet Tornatores Film; und auf einmal begreift man, was mit dem Paradies gemeint ist, das er im Titel trägt.

Denn Alfredos Filmvermächtnis besteht aus lauter Kußszenen, kleinen Schnipseln großer Kinowerke, zu einem atemlosen Liebesreigen vereint. Damals, nach dem Krieg, hatte der Pfarrer des tief katholischen Ortes alle Filme, die das Paradiso-Kino zeigen wollte, im voraus zensiert; immer, wenn zwei Schauspieler sich küßten, zwei Liebende sich umarmten, klingelte er mit seinem Glöckchen, und die Szene mußte im Interesse des ewigen Seelenheils aus dem Film hecausgeschnitten werden. Aber Alfredo hat die verbotenen Bilder aufbewahrt, und so sieht Salvatore sie alle auf einmal: Katharine Hepburn küßt Spencer Tracy, Jeanne Moreau küßt Jean Gabin, Marilyn Mon-oe küßt Laurence Olivier, Anna Magnani küßt Marcello Pagliero, Claudia Cardinale küßt Alain Delon ...

In diesen Momenten steckt nicht nur seine, sondern auch unsere Erinnerung an das Kino. Und so ist es, wenn man all die Küssenden sieht, als schaute man einem endlosen Abschiednehmen zu; als wäre dies der allerletzte Film, den das Kino uns und sich selber zeigte, so wie im Kopf eines Sterbenden noch einmal die Bilder aufflackern, in denen sein Leben eingeschrieben ist. Zwei Stunden lang lädt der Film den Zuschauer mit seiner leisen Trauer auf, und dann, am Ende, gibt es kein Halten mehr. Das Kino verabschiedet sich mit Tränen. Das ist sein letzter Triumph.

„Cinema Paradiso“ ist rührend und schön, Ettore Scolas „Splendor“ ist melancholisch und bitter. Als Jordan (Marcello Mastroianni), der Besitzer des „Splendor“, sein Kino verkaufen muß, gewährt er seinem Nachfolger, einem Möbelhändler, einen Preisnachlaß unter der Bedingung, den Käufer öffentlich ohrfeigen zu dürfen. So geschieht es auch; aber hinter Jordans Rücken lacht der Geohrfeigte über die billige Schmach, das „Splendor“ wird abgerissen, die Kinofeinde haben gesiegt. „Nostalghia“ steht am Anfang des Films auf einem Plakat. Nostalgie, das ist Scolas Paßwort für den Flug durch die Filmgeschichte.

Marina Vlady und Massimo Troisi spielen in „Splendor“ mit, die Französin als Platzanweiserin, der Italiener als Projektionist; und, wie bei Tornatore, viele Unsterbliche des Kinos. Am Anfang, Rückblende in die gute alte Zeit, wird auf dem Dorfplatz eine Leinwand aufgebaut, aus einem Lastwagen strahlen die Wunder von Fritz Langs „Metropolis“; am Ende, Wehmut und Untergang, öffnet sich das Dach des bankrotten „Splendor“, Schneeflocken rieseln in den Saal herab, und vor der verzauberten Menge läuft noch einmal Frank Capras „It’s a Wonderful Life“.

Ettore Scola ist ein besserer Regisseur als Giuseppe Tornatore, der erst zwei Spielfilme gedreht hat, und „Splendor“ ist ein handwerklich perfekter Film. Aber Scola bleibt mit seiner Kamera auf Distanz, während Tornatore ins Herz des Zuschauers zielt. „Cinema Paradiso“ ist ein verzweifelter Abschied vom Kino, „Splendor“ nur ein milder Rückblick, der Abend eines Meisters, die Dämmerstunde eines Routiniers. Zwei Filme, die wie Brüder sind; der eine ergänzt und kommentiert den anderen.